Pretoria

Alles blüht. Purpurne Bougainvilleen. Zinnoberrote Trompetenwinden, hunderttausend Jakarandabäume im violetten Kleid. Pretoria, ein Frühlingstraum. - Abgeschnittene Hände. Häftlinge, zu Tode geprügelt. Folter, Mord, Terror. Pretoria, Schaltzentrale der Apartheid. Hier, in der Hauptstadt Südafrikas, wurde diese Woche der Abschlußbericht der Wahrheitskommission vorgelegt: 3500 Seiten dick, 21 000 angehörte Opfer, 7000 Amnestieanträge von Tätern - die gesammelten Verbrechen der Apartheid-Ära, ein Panoptikum der Grausamkeit.

Zweieinhalb Jahre unterzog sich Südafrika dem qualvollen Ritual der historischen Selbsterforschung. Bekenntnisse, Lebenslügen, Reue, Haß, Nervenzusammenbrüche, Tränenströme: Die Sitzungen der Kommission waren eine Wanderbühne, auf der zugleich Lehrstücke, Grotesken und Trauerspiele zu sehen waren. Die Kommission öffnete schwärende Wunden und entzweite die Nation. Sie wurde beschimpft als Weißenhatz, Inquisition, Hexenjagd, Siegertribunal. Am Ende hat sie das Tiefenbild einer Gesellschaft gezeichnet, die durch den Rassenwahn zerrissen wurde.

Hawa Timol muß von ihren beiden Söhnen gestützt werden, als sie die Treppe zur Methodistenkirche in Johannesburg hochtippelt. Jetzt nimmt sie Platz und glättet noch schnell den feingewobenen Sari. Auf diesen Augenblick hat sie 25 Jahre gewartet. Endlich kann sie über den Schmerz und die Wut reden, die ihre Seele zerfressen haben. Sie erzählt von Schikanen und Demütigungen. Erzählt, wie Ahmed, ihr Erstgeborener, immer wieder von Polizisten verschleppt wurde. Und daß der junge Aktivist eines unseligen Tages nicht mehr heimkam. Und wie sie die Mitteilung erhielt, daß er Selbstmord verübt habe. Und in welchem Zustand sie Ahmed schließlich zurückerhielt: "Der Sarg war blutverschmiert. Ahmeds Fingernägel fehlten. Ein Auge hing heraus." Am Ende hebt Hawa Timol ihr tränenüberströmtes Gesicht und sagt: "Ich möchte endlich die Wahrheit wissen. Dann kann ich in Ruhe sterben." Die Wahrheit: Ahmed Timol wurde von seinen Peinigern aus dem zehnten Stockwerk des Johannesburger Polizeihauptquartiers gestoßen - eine bewährte Methode, um Oppositionelle loszuwerden.

Darf den Mördern von einst heute vergeben werden?

Millionen Südafrikaner konnten abends in den Hauptnachrichten diese Szenen erleben. Hawa Timol schüttete ihren Gram, ihre Verzweiflung, ihr Leiden vor der ganzen Nation aus. Wie die alte Frau aus der Kirche ging, sah das Fernsehpublikum nicht mehr. Sie raffte ihren Sari, wehrte ihre Söhne ab, die ihr wieder helfen wollten, und schritt lächelnd ins Freie.

Anhörung in der Stadthalle zu Pretoria. Der Mittelgang des Parketts spaltet das Publikum wie eine imaginäre Grenzlinie: links die Schwarzen, meist junge Leute, viele modisch gekleidet, Plakate hochreckend, auf denen zornige Parolen prangen. Rechts die Weißen, alte, harte Gesichter, taubenblaue Anzüge, artige Kostüme in Puppenrosa; eine Dame strickt. Das alte und das neue Südafrika. Im Zeugenstand Janusz Walus, ein aschfahler Mann, der mit versteinerter Miene auspackt. "Ich rief: Mister Hani! ... ich schoß ... er fiel, ich schoß eine zweite Kugel in seinen Kopf. Als er lag, schoß ich zweimal hinter sein Ohr." Chris Hani, nach Mandela der beliebteste Politiker des Landes, war tot.