Die Idee wurde aus der Not geboren: "Immer mehr eßbrechsüchtige Patientinnen, die sich an unsere Spezialklinik wandten, mußte ich auf die Warteliste setzen", erzählt Ulrike Schmidt, Leiterin der Abteilung für Eßstörungen am Londoner Maudsley Hospital. Bis zu 50 Frauen, die unter Bulimie (Eßbrechsucht) litten, suchen jeden Monat erstmals Hilfe im größten Lehrkrankenhaus für Psychiatrie in England.

"Bewährte Rezepte für die Verhaltenstherapie bei Bulimie lagen vor", betont Ulrike Schmidt, ebenso Übungsschritte, die für psychisch Kranke einfach nachzuvollziehen sind. Also begann sie ein Selbstbehandlungsbuch zu schreiben, damit die Frauen ihre Therapie mit nach Hause nehmen konnten. Schritt für Schritt sollten sie lernen, Freßattacken und Erbrechen zu zügeln - durch das Führen eines Ernährungstagebuchs, Übungen, um den eigenen Körper besser kennenzulernen, oder Techniken, um aus Rückfällen zu lernen. In mehreren Studien verglich ihr Team den Erfolg des gedruckten Selbsthilfeprogramms mit der üblichen Verhaltenstherapie und kam zu dem erstaunlichen Befund: Bibliotherapie zu Hause hilft ebenso wie kognitive Verhaltenstherapie mit einem Psychologen oder Psychiater. So zeigte eine Untersuchung an 110 Bulimikerinnen des Maudsley Hospital im Jahr 1996: Egal, ob die Patientinnen 16 Stunden einen Verhaltenstherapeuten konsultierten oder nur ein Handbuch mit im Schnitt bis zu drei Stunden Therapie nutzten - bei beiden Methoden waren je 30 Prozent der Patientinnen am Ende völlig beschwerdefrei. Nach 18 Monaten berichteten sogar je 40 Prozent, sie seien von der Eßbrechsucht befreit. Offenbar ist der persönliche Kontakt zum Therapeuten weniger wichtig als bisher angenommen.

Nach dem Motto power to the people setzen englische Psychotherapeuten Selbsthilfebücher inzwischen auch bei anderen psychischen Störungen wie Ängsten, Zwängen oder sogar Depressionen ein. In Deutschland ist die Bibliotherapie noch wenig etabliert. Schmidt und Thiels vermuten kulturelle Gründe. Pragmatismus sei in Großbritannien nichts Anrüchiges und das Bewältigen von Problemen mit Hilfe gedruckter Anleitungen üblich. "In Deutschland trauen viele seelisch Kranke dagegen nur langwierigen Psychoanalysen etwas zu", sagt Cornelia Thiels. Die Bibliotherapie hoffähig machten dagegen 500 amerikanische Psychologen: Im Auftrag ihres Berufsverbandes testeten sie 1000 Selbsthilfebücher und zeichneten die besten aus.

Welche weiteren technischen Errungenschaften sich bei der Selbsthilfe einsetzen lassen, zeigen Ärzte des angesehenen Institute of Psychiatry in London seit September 1997: Patienten, die unter Zwängen leiden, bieten Richard Parkin und Kollegen außer einem Buch eine Telefonnummer an, bei der die Geplagten in Notfällen rund um die Uhr kostenlos anrufen können. Es meldet sich eine Telefonstimme, die fragt, was den Anrufer quält. Ein Computerprogramm wählt dann aus 700 Aufzeichnungen eine passende Antwort aus. Nach drei Monaten plus vorhergehender Diagnostik sollen viele Zwangspatienten geheilt sein. Im Moment entwickeln die Londoner Psychiater ein telefongestütztes Programm für Depressionen. Doch sie wissen auch um das heikle Kapitel Sicherheit. Richard Parkin: "Wer mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen, sollte sich sofort in die Hände eines Arztes begeben."