Gleißend weiß, aus makellosem Zandobbiomarmor, reckt sich das Monumento alla Vittoria in den Himmel über Bozen. HINC CETEROS EXCOLUIMUS LINGUA, LEGIBUS, ARTIBUS prangt in erhabenen römischen Lettern vom Architrav des Siegesdenkmals. "Von hier brachten wir den anderen die Sprache, die Gesetze und die Künste". Der mächtige waagerechte Balken mit der Inschrift ruht auf Säulen aus Liktorenbündeln, dem Symbol des italienischen Faschismus. Benito Mussolini selbst hatte Ende der zwanziger Jahre den Bau des Denkmals veranlaßt, das bis heute den Sieg Italiens über die österreichische Monarchie im Ersten Weltkrieg verherrlicht.

Der Klotz aus Marmor steht nicht weit von der Talfer am Schnittpunkt zwischen Bozen und Bolzano. Das Gebirgsflüßchen, das vom Sarntal herabströmt, teilt die Südtiroler Provinzhauptstadt in zwei Hälften. Geographisch, politisch und ethnisch. Hüben liegt die mittelalterliche Altstadt mit den Sehenswürdigkeiten, die jeder Urlauber kennt: den Lauben, dem Obstmarkt, der Dompfarrkirche, dem Waltherplatz und - seit diesem Frühjahr - dem neuen Archäologiemuseum, in dem Ötzi, die Gletscherleiche, zur Schau gestellt wird. In diesem Bezirk wird vornehmlich Deutsch gesprochen. Hier, in der alten Stadtmitte, erringt die konservative Südtiroler Volkspartei, die seit fünfzig Jahren das Deutschtum in Südtirol verteidigt, bei Wahlen die meisten Stimmen in Bozen.

Sonnabends ist Krämermarkt in den Straßen rund um das Siegesdenkmal. In einer Ecke ballen sich die Schuhverkäufer, während in einer anderen Reihe die Textilhändler ihren Platz haben. Es gibt Kaninchenfelle, Naturschwämme, Spielzeug, Teppiche, Gemüse, Obst und halbe Hähnchen: ein Basar für die Bozner Bevölkerung. Nur wenige Urlauber überwinden die unsichtbare Grenze an der Talfer.

Der bunte Markt nimmt dem Viertel etwas von seiner architektonischen Strenge. Am 12. Juli 1928 eingeweiht, wurde das Monumento alla Vittoria zum Ausgangspunkt der Stadterweiterung, mit der die Faschisten aus Bozen eine italienisch geprägte Stadt machen wollten. Den Auftrag erhielt Marcello Piacentini. Der Baumeister aus Rom scharte eine Gruppe von jungen Architekten um sich, die an die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne gingen. Während im Großdeutschen Reich der Nazis jeder Ansatz von moderner Architektur als "entartet" verteufelt wurde, hatten die Architekten in Italien größere Freiheiten. Gebäude im Stil des imperialen Monumentalismus, der mit neoklassizistischen Elementen als adäquater Ausdruck der faschistischen Ideologie gilt, stehen neben Bauten in der Stilrichtung des Rationalismus, der seine Wurzeln in der modernen Bauhaus-Architektur hat. In vielen Bauwerken vermengen sich die beiden Stilauffassungen.

Auch in anderen italienischen Städten versuchten die Faschisten, ihr Regime im Stadtbild zu verewigen, aber nirgendwo so radikal wie in Bozen. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein neues Stadtzentrum, das Quartiere Monumentale, hochgezogen. Die Weingärten wichen riesigen Gebäudekomplexen, die Ämter und Wohnungen für höhere Staatsbeamte des Regimes beherbergten. Alle Blöcke wurden streng geometrisch ausgerichtet. Kantige Pfeiler betonen die Höhe, eckige Mauerblenden verbinden die Häuser, Rundbögen sollen an römische Stadttore erinnern. Eine Planung vom Reißbrett, die dem Viertel kein Leben einhauchte. Die Monotonie der stereotypen Wiederholung ist das Kennzeichen des neuen Bozen.

Ins ehemalige Jugendzentrum zog ein Pornokino ein

"Zona militare, limite invalicabile" - Militärzone, unpassierbare Grenze - steht zweisprachig auf den gelben Schildern am Comando Truppe Alpini. Der Wachposten weist den Versuch, die Bozner Kaserne der italienischen Gebirgstruppen an den Talferwiesen zu betreten, freundlich, aber unmißverständlich zurück: "Wir sind doch kein Museum!" Der pompöse Repräsentationsbau, in dem während des Faschismus das Armeekommando untergebracht war, zählt zu den herausragenden Werken, die der Stararchitekt Piacentini in Italien erbauen ließ. Aus Ziegelsteinen hoch aufgemauert, streben die zwei symmetrischen Gebäudeflügel auseinander. Wie eine Pfeilspitze zielt das massige Eingangsportal der neuzeitlichen Trutzburg auf die Stadt.