Jedes Kind muß erst den Finger in die Steckdose halten, um zu lernen, wie weh das tut. Jedes Kabinett muß offenbar auch seinen eigenen Krach mit den Notenbankern erleben.

Von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl: Irgendwann geriet bald jeder Bundeskanzler mit den Geldhütern aneinander. In den vergangenen Tagen hat der neue Finanzminister in die Steckdose gegriffen, und auch ihn hat der Schmerz durchzuckt, wie seinen Vorgänger Theo Waigel, als er den Goldschatz der Bundesbank heben wollte. Schon vor Lafontaines Teilnahme an der Sitzung des Zentralbankrates an diesem Donnerstag meinte ein Mitglied des Gremiums selbstbewußt, die erste Runde sei wohl an die Notenbank gegangen: Lafontaine werde beteuern, daß er die Unabhängigkeit nicht antasten wolle.

An Tietmeyer üben, um die Eurobank zu schlagen

Weniger als zwei Monate vor Beginn der Währungsunion kann die Bundesbank auch gar keine Geldpolitik auf eigene Faust mehr machen. Weil das Lafontaine und seinen Beratern klar sein dürfte, taucht hier und da der Verdacht auf, der SPD-Chef benutze die Bundesbank nur als Sparringspartner, um für den großen Fight mit der EZB im kommenden Jahr zu trainieren. Dann wolle er gemeinsam mit der französischen Regierung die EZB in die Knie zwingen und die im Euro-11 versammelten Finanzminister als Wirtschaftsregierung etablieren, die ein neues internationales Währungssystem und Zinssenkungen nach Belieben durchsetzen kann. Zu Lafontaines Zielen gehöre es auch, den Stabilitäts- und Wachstumspakt mit seinen lästigen Vorgaben über den Abbau der Budgetdefizite auszuhebeln.

Dafür spricht aber nicht viel. Lafontaines französischer Amtsbruder Dominique Strauss-Kahn teilte vergangene Woche kühl mit, er habe keine Zinssenkung gefordert - ein klares Signal an die Adresse des Saarländers, den Streit nicht zu überziehen. Strauss-Kahn und seine Mitarbeiter sehen zwar im Verhältnis zur neuen Bundesregierung mehr Gemeinsamkeiten als mit der alten Mannschaft, die viele politische Initiativen abwürgte und sich immer nur als Wächter der Stabilität aufspielte. Mittlerweile mischt sich in die Freude aber erste Besorgnis, Lafontaine&Co könnten Rezepte vertreten, wie sie in Frankreich Anfang der achtziger Jahre im Schwange waren und nun aus der Mode sind.

Beim Treffen in Saarbrücken gab Strauss-Kahn seinem neuen Kollegen zu verstehen, mehr internationale Kooperation sei gut, ein festes Währungssystem mit Amerikanern und Japanern sei aber nicht realistisch - eine weitere kalte Dusche für den Saarländer. Vielleicht hat die Tatsache, daß Lafontaine ausgerechnet aus Paris Widerstand gegen sein Lieblingsprojekt fester Zielzonen für Euro, Dollar und Yen verspürt, seinen Furor gegen die Bundesbank erst richtig angestachelt.

Dabei steht fest: An den Stabilitätspakt wollen auch Lafontaines Berater bislang nicht rühren. Der neue Staatssekretär Heiner Flassbeck wandte sich vergangene Woche strikt gegen ein höheres Defizit zwecks kräftiger Steuerentlastung, denn der Stabilitätspakt schreibe ausgeglichene Budgets vor, "und ich weiß nicht, ob man sich so schnell über die Ziele des Paktes hinwegsetzen kann".