Santiago de Chile

Die braunen Pappkartons im Gerichtsmedizinischen Institut von Santiago haben einen schaurigen Inhalt. In jeder Kiste liegen die Gebeine eines Menschen, dessen Name unbekannt ist, daneben seine blutgetränkten Kleider in durchsichtigen Plastiktüten. Auf einem Karton, gleich vorn, in Kniehöhe, ist ein mit feinem Sand bedecktes Holztablett abgestellt. Darauf ist der zersplitterte Totenschädel einer jungen Frau gebettet.

Ein Jahr nach dem Ende der fast 17 Jahre währenden Diktatur, 1991, ließ die Regierung des demokratischen Präsidenten Patricio Aylwin das Gräberfeld des Patio 29 freilegen. 126 Tote kamen zum Vorschein und wurden von der Pathologin Isabel Reveco exhumiert. Was die Ärztin zu sehen bekam, war so furchtbar, sagt sie, "daß ich während dieser 14 Tage Arbeit neun Kilogramm Gewicht verlor".

Alle Männer und Frauen in diesen Gräbern waren in den ersten drei Monaten nach Pinochets Putsch gegen die sozialistische Regierung Salvador Allendes im Jahr 1973 von Soldaten oder Geheimdienstleuten umgebracht worden. "93 Tote aus dem Patio 29 konnten wir inzwischen identifizieren", sagt Isabel Reveco, die, unterstützt von hervorragenden Forensikern aus den USA, neuerdings auch mit DNA-Analysen arbeitet.

In Pappkartons wird das Schicksal der Opfer aufbewahrt

Die Identifizierung des 94. Opfers steht bevor. In einer Blechwanne auf dem gekachelten Seziertisch liegt das Skelett eines Mannes. Es handelt sich wohl um einen ehemaligen Leibwächter Allendes. Patricia Hernandez, die Leiterin der Identifikationsabteilung, nimmt den Schädel in die Hand und erklärt, wie der Mann gestorben ist: "Er wurde durch einen im Genick schräg nach oben aufgesetzten Schuß in den Hinterkopf getötet, der an der Stirn wieder austrat." Sie zeigt auf verschiedene Rippenbrüche, die darauf hindeuten, daß der Mann vorher gefoltert worden ist. "Victor Jara, ein bekannter Liedermacher, hatte im ganzen Körper 48 Einschüsse. Vorher", sagt Patricia Hernandez, "haben sie ihm die Hände verkrüppelt."

Für die chilenische Innenpolitik sind die Pappkartons mit ihrem grauenvollen Inhalt und ein Computerausdruck mit den 1232 Namen Verschwundener ein Dauerproblem: Es stört die transición und die reconciliación , den seit acht Jahren währenden Versuch eines Übergangs zur Demokratie und die "Versöhnung" der überlebenden Opfer, ihrer Angehörigen und Freunde mit den Tätern. Eine Weile hatte es den Anschein, als ob die von den Militärs verordnete Zwangsversöhnung der Gesellschaft ohne eine Bestrafung der Täter ebenso aufginge wie das von ihnen oktroyierte Demokratiemodell. Die politischen Freiheiten sind so eingeschränkt, daß die Rechte und das Militär jederzeit eingreifen können, falls ihnen etwas zu weit geht. Versuche, die Amnestie, die sich das Militär 1978 selbst gegönnt hat, aufzuheben oder die fragwürdige Verfassung, die Pinochet dem Land 1980 verordnet hat, zu ändern, sind stets gescheitert.