Die Erde bebt nicht - obwohl sich im Schweriner Schloß die erste Landesregierung einrichtet, in der Sozialdemokraten neben PDS-Leuten sitzen. Der Himmel ist nicht eingestürzt - obwohl der künftige CDU-Vorsitzende frühere SED-Mitglieder zur Mitarbeit in der Union einlädt. Der Himmel hellt sich auf, weil sich nach Jahren der Querelen der immer noch nicht ganz IM-freie PEN Ost und der PEN West vereinigt haben.

Neun Jahre nach dem Fall der Mauer weicht die Mauer in den Köpfen. Rote Socken? Rote Hände? Vom Winde verweht sind die Sprüche von gestern. Nichts ist vergessen, aber manches heilt aus. Normalität.

Ebensowenig lassen sich zwei getrennte deutsche Literaturen organisatorisch in alle Ewigkeit verlängern. Der Brückenschlag war überfällig, trotz aller inneren Vorbehalte. Zwar mag die bisherige Trennung noch eine Weile weiterwirken. Doch im gleichen Maß, in dem die deutschen Lebenswelten zusammenwachsen, wird auch die deutsche Literatur die Anmutung des Ginkgo-Blattes verlieren, bei dessen Anblick Goethe sinnierte: "Ist's eins? Sind's zwei?" Das einst Unvereinbare wird vereinbar, wo Nachsicht waltet - und wo Menschen sich ändern.

Wo aber Menschen sich ändern, spielt auch die Parteizugehörigkeit von ehedem je länger, desto weniger eine Rolle. Wolfgang Schäuble: "Es muß das Recht auf Korrektur früheren Verhaltens geben." Nicht für schlimme Übeltäter, wohl aber für viele Mitläufer, die aus Idealismus, Blindheit, Opportunismus oder innerer Not mitgemacht haben. Auch für die Funktionseliten der DDR, die sich zu unserem Staat bekennen. Sie sollen sich - Eberhard Diepgen hat es ohne Umschweife gesagt - bei der CDU nicht nur geduldet, sondern umworben fühlen: "Woher jemand kommt und was er war, ist wichtig, aber noch wichtiger ist, wo er in Zukunft hin will."

Nicht anders hat es die Partei Adenauers nach dem Kriege mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern gehalten. Auch Schumachers Sozialdemokraten bemühten sich schon 1949/50 um die alten Nazi-Parteigenossen. Warum also den Menschen, die vierzig Jahre unter dem Kommunismus gelebt haben, jenen Rabatt auf Irrtum und Schwäche verweigern, den wir so vielen gewährt haben, die zwölf Jahre unter Hitlers Diktatur leben mußten?

Es ist dies alles nicht der "zweite Frieden mit den Tätern" (Ralph Giordano). Wer jetzt bezweifelt oder bestreitet, daß zusammengehört, was endlich zusammenwächst, der verlängert die Spaltung des Landes. Besser, wir lassen die Zugbrücken herunter, als daß wir uns auf den Zinnen unversöhnlichen Freund-Feind-Denkens verschanzen. Nur so wird aus Ginkgo-Deutschland, unserer Misch- und Übergangsgesellschaft, wieder ein wahrhaft einiges Deutschland werden.