Zweigeteilt - niemals! So lautet, diplomatisch kaum verbrämt, die strenge Formel der französischen Regierung, wann immer die 15 EU-Staaten über die Aufnahme Zyperns in die Europäische Union beraten. Auch am Dienstag nächster Woche wird Außenminister Hubert Védrine die Pariser Zweifel erneut in Brüssel zu Protokoll geben: Daß die EU sich nicht "offene Grenzprobleme" einverleiben dürfe, daß die gespaltene Insel nur vereint in Europa einen Platz habe. Was die Franzosen laut aussprechen, denken viele in Brüssel nur leise - daß Zyperns Beitritt eben "nur ganz" in Frage kommt. Oder gar nicht.

Ab Dienstag wird's nun ernst. Dann sitzen Védrine und seinen 14 EU-Kollegen die Außenminister jener "Fünf plus Eins"-Länder gegenüber, mit denen an diesem 10. November 1998 hochoffiziell die Verhandlungen über einen EU-Beitritt beginnen. Fünfmal Mittel- und Osteuropäer (aus Tschechien, Ungarn, Polen, Estland und Slowenien) plus eines Abgesandten der Levante - aus Zypern eben. Und der dürfte, das ist absehbar, bis zur ersten EU-Erweiterung irgendwann um das Jahr 2004 allemal der schwierigste EU-Aspirant bleiben.

Längst malen sich Brüsseler Experten in Horrorszenarien aus, wie die verfeindeten Volksgruppen auf dem Eiland - angetrieben von ihren Schutzmächten in Athen und Ankara - die gesamte Osterweiterung der EU zur Geisel ihres Konflikts nehmen. Laut EU-Vertrag muß jeder Beitritt von allen 15 Mitgliedsländern ratifiziert werden. Griechenlands Einspruch gegen Polen oder Tschechien aber ist so lange garantiert, wie gleichzeitig nicht wenigstens Zyperns Süden zu einem Teil des organisierten Europa avanciert.

Damit aber würde die EU den endgültigen Bruch mit der Türkei riskieren, einem strategisch wichtigen Partner der Nato. Das Desaster wäre komplett: Statt, wie bei der Annahme des zypriotischen Beitrittsgesuchs 1995 hoffnungsfroh verkündet, den EU-Beitritt "zu einem Katalysator des Friedensprozesses" zu machen, würde der Streit im östlichen Mittelmeer an Brüsseler Konferenztischen ausgetragen. Die EU wäre nicht Mittler im Konflikt, sie wäre Partei.

Doch was ist die Alternative? Wer, wie Paris, Zyperns Versöhnung und Wiedervereinigung schlicht zur Vorbedingung für einen EU-Beitritt erklärt, der gewährt letztlich nur der Türkei ein Vetorecht über die EU-Erweiterung: Solange Ankara und sein Vertrauter Rauf Denktasch, der selbsterklärte "Präsident" Nordzyperns, jede Entspannung verweigern, bliebe der Weg nach Europa blockiert - für Zypern und (dank prompter Proteste aus Athen) für alle anderen Kandidaten. Dieses Dilemma erkannte inzwischen auch Klaus Kinkel. Bei seinem letzten EU-Auftritt vor vier Wochen hinterlegte der scheidende Außenamts-Chef, zusammen mit der holländischen Regierung, zwar erneut Bonner Bedenken gegen die Aufnahme einer geteilten Insel. Aber er äußerte seine Skrupel kleinlaut, aus Angst um die Osterweiterung.

Was vorerst bleibt, sind kleine Schritte. So bemüht sich Brüssel nun, die zerbrochenen Beziehungen mit der Türkei zu kitten. Seit Jahren versprochene Finanzhilfen, bislang von Athen per Veto eingefroren, will die Kommission mit Hilfe formaler Tricks vom Ministerrat per Mehrheitsbeschluß genehmigen lassen. Sollte dem auch das Straßburger EU-Parlament zustimmen, will die griechische Regierung jedoch selbst diese Geste vor dem Europäischen Gerichtshof anfechten.

So, das weiß jeder in Europa, erweicht man die Türken nicht. Und deshalb wird Nicosias Außenminister Ioannis Kasoulidis am kommenden Dienstag in Brüssel wieder ein Ritual aufführen: Das "tiefe Bedauern" darüber, daß die türkischstämmige Minderheit keinen Vertreter in die zypriotische Verhandlungsdelegation entsendet, leitet jede griechisch-zypriotische Erklärung an EU-Tischen ein. Aber, bitte schön, das dürfe Zypern, "diesen Vorposten Europas im Orient", nicht bremsen auf seinem Weg "heim in die europäische Familie".