Wenn Karl-Heinz Schmidt bei Aldi an der Kasse steht, wird er zum Systematiker. Er legt nicht einfach Joghurt, Zahnpasta und Schweizer Abführkapseln wild durcheinander auf das Band, sondern sortiert penibel, damit die Waren beim Bezahlen auf dem Kassenzettel gleich nach Kategorien geordnet sind: Lebensmittel, Körperpflege, Medikamente. Das ist wichtig, weil Schmidt zu Hause jeden Posten in den Computer eingibt: "So habe ich die Haushaltskasse in den Griff bekommen." Im Schlafzimmer, wo der Computer steht, zeigt er stolz, was das Programm Quicken 98 alles kann: Das Abführmittel wird in der Kategorie Gesundheit verbucht, Unterkategorie Medikamente. Schmidt klappert kurz auf der Tastatur, und schon weiß er auch, wieviel seine vierköpfige Familie in den vergangenen acht Monaten in der Kategorie Lebensmittel ausgegeben hat: 6651 Mark und 36 Pfennig.

"Man muß ja wie ein Eichhörnchen denken", sagt Diplom-Ingenieur Karl-Heinz Schmidt (Name geändert). 28 Jahre lang hat er beim Elektrokonzern Siemens in Berlin Werkzeugmaschinen gebaut. Vor fünf Jahren kam ein Manager von der Firmenzentrale in München und eröffnete der Belegschaft, daß ihr Werk geschlossen werden müsse. Schmidt war damals 52 Jahre alt und von heute auf morgen Frührentner, der nicht wußte, wie er den Tag rumbringen soll. Da hilft ihm jetzt seine rechnergestützte Haushaltskasse.

Die Belegschaft von Schmidts Werk wurde zunächst von 700 auf 300 Mitarbeiter reduziert. "Dann hieß es: Ihr habt nur eine Chance, wenn ihr auf 150 Leute verkleinert." Plötzlich war jeder Kollege ein Konkurrent. "Jeder hat jeden belauert, denn von zweien mußte einer gehen." Die Arbeit, die ihm vorher Spaß gemacht hatte, wurde zur Qual. Als dann das Angebot zur Frühverrentung kam, "war das eine Erlösung".

Karl-Heinz Schmidt ist Jahrgang 1941. Für die Männer seines Alters ist die vorzeitige Ausmusterung aus dem Job mittels Vorruhestand oder Frühverrentung zum Generationsphänomen geworden. Die klare Trennung zwischen Arbeit und Rentnerdasein hat sich für die Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 aufgelöst. Viele sind bereits als fitte Fünfziger aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Als Kinder wurden sie von Krieg, Nachkriegszeit und Wiederaufbau geprägt. Vier Jahrzehnte später machen sie die Kollektiverfahrung, daß die Wirtschaft sie loswerden will. Sie sind jetzt überflüssig.

Am Anfang stand eine gutgemeinte Überlegung von Norbert Blüm. Zu Beginn der Ära Kohl hielt der Arbeitsminister die Erwerbslosigkeit noch für ein vorübergehendes Übel einer flauen Konjunktur, dem er 1984 mit einem "neuen Weg in der Beschäftigungspolitik" zu Leibe rückte: dem Vorruhestandsgesetz. Die Älteren sollten ein paar Jahre früher Platz machen für die Jungen - ein Stück praktischer Solidarität zwischen den Generationen. Arbeitnehmer konnten fortan mit 58 Jahren in den Vorruhestand gehen und erhielten bis zum 63. Lebensjahr mindestens 65 Prozent ihres letzten Bruttogehalts. Die Kosten trugen die Unternehmen. Wurde die freigewordene Stelle mit einem Arbeitslosen wiederbesetzt, bekam der Arbeitgeber gut ein Drittel des Vorruhestandsgeldes von der Bundesanstalt für Arbeit zurückerstattet. Bis 1988 gingen rund 120000 Arbeitnehmer in den Vorruhestand. Wiederbesetzt wurden allerdings nur 70000 Stellen .

Als Karl-Heinz Schmidt im Mai 1995 endgültig ausgemustert war - er mußte vorher mehr als ein Jahr nicht mehr zur Arbeit erscheinen - , gab es das Vorruhestandsgesetz schon lange nicht mehr. Doch in der Zwischenzeit hatten vor allem die Großunternehmen an dem Gedanken einer Stillegungsprämie für ältere Beschäftigte Gefallen gefunden. Der Vorruhestand war - im Gegensatz zur Entlassung - gesellschaftlich akzeptiert, er galt als sozialverträglich und freiwillig.

Kein Wunder also, daß viele Konzerne nach dem Ende des gesetzlichen Vorruhestands firmeninterne Frührentenregelungen einführten. So konnten sie auf elegante Weise die Belegschaft verkleinern und gleichzeitig verjüngen - anders als beim Blümschen Vorruhestand allerdings weitgehend zu Lasten der Sozialversicherung: Die Frührentner beziehen zunächst Arbeitslosengeld, ab dem 60. Lebensjahr dann "vorgezogene Altersrente". Das Unternehmen muß den Betrag lediglich aus der eigenen Kasse aufstocken. Allein zwischen 1992 und 1995 wurden auf diese Weise mehr als 650000 Arbeitnehmer vorzeitig ausgemustert. 1970 waren 70 Prozent der Männer zwischen 60 und 65 Jahren erwerbstätig, 1996 waren es nur noch 29 Prozent. Vorruhestand und Frühverrentung zeitigten in dreifacher Hinsicht schlimme Folgen: politisch, volkswirtschaftlich und psychologisch.