Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich die beiden Pharmamultis liefern. Im nächsten Jahr wird die Entscheidung fallen. Dann wird es einen Sieger geben - und zwei Gewinner: Hoffmann-La Roche und Glaxo Wellcome. Die beiden Firmen arbeiten an der Entwicklung von Medikamenten gegen die "echte Grippe", die mit der gewöhnlichen Erkältung nicht zu verwechseln ist. Die Pille von Roche und das Spray von Glaxo sollen die gefährlichen Influenzaviren an der Vermehrung hindern. Da der Bedarf für ein solches Medikament riesig ist, dürfen beide auf ein Supergeschäft hoffen. "Der Markt ist groß genug für zwei", meint denn auch Franz Humer, Chef von Hoffmann-La Roche.

Allein in Nordamerika, Westeuropa und Japan erkranken jährlich schätzungsweise 120 Millionen Menschen an der echten Grippe. Alle 10 Jahre treten Grippeepidemien auf, so vergangenen Winter in Deutschland. Und alle 25 bis 30 Jahre kommt es zu weltweiten Epidemien, sogenannten Pandemien. Ausgelöst werden sie von hochinfektiösen Virenstämmen, gegen die es bislang kaum eine wirksame Therapie gibt.

Im August 1997 isolierten Virologen einen neuen Typ des hochinfektiösen Influenza-A-Virus, an dem im Mai ein drei Jahre alter Junge in Hongkong gestorben war. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) war alarmiert. Zuvor hatte das Virus lediglich Hühner und Enten infizieren können. Doch nun war es offensichtlich auch für den Menschen gefährlich, ohne den bislang bekannten Umweg über das Schwein als "Zwischenwirt" nehmen zu müssen. Noch im August installierte die WHO ein Virus-Überwachungssystem für Hongkong und die südchinesische Nachbarprovinz Guangdong. Seuchenexperten des amerikanischen Center for Disease Control in Atlanta sammelten Tausende von Blutproben, um Verbreitung und Übertragungsweg des Virus zu untersuchen. Im Dezember waren weitere acht Personen an der "Vogelgrippe" erkrankt, die Zahl der Toten war auf vier angestiegen. Da entschloß sich die Hongkonger Regierung zu einer drastischen Maßnahme: Sämtliche Hühner, Enten, Gänse und Tauben sollten getötet werden. Am 30. Dezember begann das große Schlachten, begleitet von den Gebeten der Buddhisten, die sich um das Seelenheil der Tiere sorgten. 1,4 Millionen Hühner wurden der Vorbeugung einer Pandemie geopfert - mit Erfolg. Denn wie die WHO später feststellte, war der größte Risikofaktor für eine Infektion der Besuch im Hühnerstall. Achtzehn Menschen holten sich auf diesem Weg die Vogelgrippe, sechs starben daran. Erleichtert stellten die Seuchenexperten im Januar fest, daß es keine direkte Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch gegeben hatte. Das Vogelvirus war kein Pandemiestamm, auch wenn es zunächst so ausgesehen hatte.

Seit 1933 weiß man, daß die Erreger der Influenza Viren sind, die in drei verschiedenen Typen auftreten können: A, B und C. Besonders tückisch und damit pandemietauglich ist das Influenza-A-Virus. Es sieht aus wie eine mit Stacheln besetzte Kugel. Die meisten "Stacheln" bestehen aus dem Oberflächeneiweiß Hämagglutinin (H), die anderen aus Neuraminidase (N). Findet eine Infektion mit dem Virus statt, bildet das Immunsystem des Kranken Antikörper, die ihn vor einer neuen Infektion schützen sollen. Bei Masern etwa funktioniert dieser Schutz perfekt. Nicht aber bei Influenzaviren. Sie verändern durch genetische Mutation ständig das Aussehen ihrer beiden Oberflächeneiweiße, so daß einmal gebildete Antikörper ihre Wirkung verlieren. Deshalb sind jährliche Impfungen mit immer neuen Impfstoffen aus abgeschwächten Viren nötig. "Besonders gefährlich wird es, wenn die genetische Veränderung einen völlig neuen Hämagglutinin-Typ hervorbringt", sagt Reinhard Kurth, Leiter des für Infektionskrankheiten zuständigen Robert-Koch-Instituts. Genau das war bei der Vogelgrippe vom vergangenen Jahr der Fall. Gegen den neuen Stamm H5N1 konnte es keine Antikörper geben. Das Immunsystem der Infizierten war dem Erreger, der zudem auch noch die gefährliche Hirnhautentzündung auslösen kann, völlig schutzlos ausgeliefert. Wäre der Vogelgrippestamm H5N1 von Mensch zu Mensch übertragbar, so hätte ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen - und das Vogelvirus hätte ihn gewonnen.

Ist die Grippe einmal da, dann ist es für die Impfung zu spät

Influenzaviren sind hoch ansteckend, und sie verbreiten sich rasend schnell über Tröpfchen, die beim Husten und Niesen ausgestoßen werden. Nach ein bis zwei Tagen schon stellen sich die Symptome ein: hohes Fieber, Schüttelfrost, Entzündungen der Atemwege, Kopf- und Gliederschmerzen. Dann ist es zu spät für eine Impfung. Zwar hätten die Impfstoffhersteller im Falle einer Verbreitung des Vogelvirus so schnell wie möglich die Produktion aufgenommen. Doch bis ein neuer Impfstoff verfügbar ist, vergehen etwa fünf Monate. Das Virus wäre auf jeden Fall schneller gewesen. Zudem müssen sehr große Mengen produziert werden. Die WHO rechnet für den Fall einer Pandemie damit, daß 25 Prozent der Weltbevölkerung infiziert sind. Und für das Vogelvirus hätte man sich ohnehin etwas Neues einfallen lassen müssen: Es zeigte sich, daß das Virus die angebrüteten Eier tötet, die üblicherweise zur Herstellung von Impfstoff verwendet werden. Andere Verfahren mit tierischen Gewebekulturen sind noch nicht ausgereift.

Im vergangenen Jahr hat die Menschheit noch einmal Glück gehabt. Doch beim nächsten Mal könnte es anders kommen. Weil sie den Erreger nicht kennen, können sich die Gesundheitsorganisationen auf eine Pandemie nur schlecht vorbereiten. Ein Notfallplan der WHO sieht vor, daß dann der Impfstoff nur aus einem einzigen Virustyp bestehen soll - üblich sind drei. Das würde die Herstellung beschleunigen. "Damit könnte man pro Woche 2,5 Millionen Impfdosen produzieren", sagt Reinhard Kurth. Aber ausreichend sei auch das nicht, wenn plötzlich allein in Deutschland 30 Millionen Menschen geimpft werden müßten. Kurth erwartet trotzdem "kein Horrorszenario wie 1918". Immerhin verfüge man jetzt über Antibiotika, um bakterielle Sekundärinfekte zu behandeln. Denn in der Regel sterben die Menschen nicht an den Grippesymptomen, sondern an Lungenentzündungen und anderen Komplikationen.