Der Bioskop-Mann in Bombay näht die Zelluloidstreifen mit Nadel und Faden zusammen. Er zieht durch die Elendsviertel und dreht an der Kurbel des bunten Filmapparats. Die Kinder drängeln sich vor den Gucklöchern, um die schönen Prinzessinnen und ihre heldenhaften Retter ein paar Sekunden lang kämpfen, lieben und sterben zu sehen.

Abschied von gestern, der erste. In Megacities, Michael Glawoggers Dokumentarfilm über die Armut in den Weltmetropolen, ist die Menschheit eine Müllhalde und das Kino das bizarrste Fundstück auf dem Schrottplatz der Geschichte. Der Bioskop-Mann in Bombay, die Straßenkinder in Moskau, die Prostituierte in Mexico City: Souvenirs vom Elend im Zeitalter der Globalisierung. Es läge etwas Heimeliges in Glawoggers Blick auf die verschlissenen Existenzen seiner Protagonisten, wenn er nicht den Schock der vergeblichen Überlebensanstrengung effektheischend mitinszenierte. Kopflose, abgebrühte Hühner zum Beispiel, die post mortem in ihrer Tonne noch minutenlang zucken.

Hof, das war seit 1967 das Familientreffen des deutschen Films. Jahr für Jahr rückte man im überfüllten Kino Central gemütlich zusammen, vorne links vor der Leinwand brummte der Kühlschrank mit den kalten Getränken, der Ton schepperte nach Kräften, und in den Spätfilmen durfte man rauchen. Hier brauchte die Szene keine Krise zu fürchten, keine Hollywood-Übermacht und keinen Multiplex-Boom. Und im Talentschuppen konnte der Nachwuchs sich ungestört austoben.

Nun hat auch Hof modernisiert. Abschied von gestern, der zweite. Der Kühlschrank ist weg, der Hauptsaal im Kino Central erstrahlt im nagelneuen Filmcenter-Design, endlich herrscht Beinfreiheit. Bald hat auch Hof ein Multiplex-Kino, und, wer weiß, die Filmtage ziehen womöglich dort ein. Der Nachwuchs tobt sich hier schon lange nicht mehr aus, er will lieber schnell Karriere machen. Man sieht's an den fabrikneuen Fernsehkomödien, die das Sendeformat noch paßgerechter ausfüllen: Jede Pointe verflacht, jeder Plot genehm und gefällig.

Auch im Spielfilm wurde entrümpelt. Man strebt allemal nach Weltniveau, dreht auf englisch und bedient internationale Formate. Also spielt Joachim Król in einem niederländischen Film einen englischsprachigen norwegischen Trapper im ewigen Eis (Stunde des Lichts von Stijn Coninx ). Also bereichern nun auch unsere Dichter und Denker (demnächst im Angebot: Hölderlin, Brentano und Goethes Christiane) die nicht abebbende Kostümfilmwelle. Und also wird deutsche Trauerarbeit neuerdings mit dem Werkzeug des Actionthrillers verrichtet. In Meschugge loten Dani Levy und Maria Schrader die Abgründe deutscher Vergangenheit aus und gehen zwischen New York und Berlin verliebt auf Altnazi-Jagd. Eigentlich wollten Levy und Schrader eine Geschichte über deutsch-jüdische Identitätsstörungen unter den Enkeln der NS-Täter und -Opfer erzählen. Aber vor lauter Pyrotechnik verlieren sie ihr Sujet aus den Augen. Früher roch es in Hof nach dem Mief subventionierter Selbstgenügsamkeit. Diese Gemütlichkeit ist gottlob dahin. Nun kranken die Bilder am Ehrgeiz ihrer Macher.

Abschied von gestern, der dritte, ein Fest. Es war ein Fest ohne Einladungen, ohne Laudator, ohne Medienrummel: die Dernière des Pandora-Verleihs, jenes renommierten, unabhängigen Verleihers, der kürzlich aus Gründen der Kompromißlosigkeit seinen Verkauf bekanntgab. Und alle kamen und feierten mit. Einmal noch war die Hofer Filmfamilie komplett versammelt, tanzte bis in die Morgenstunden und trotzte der Zeitenwende zum Kino als optimierte Eventkultur-Komponente. Irgendwann schlich sich Wehmut in die ausgelassene Runde. Wenigstens brauchte in dieser Nacht keiner nach der Seele zu fragen.