Das Internet hat einen Minderwertigkeitskomplex. Deshalb will es seinen Übervater loswerden. Nein, nicht um Bill Gates geht es hier, den Chef des Softwaregiganten Microsoft, der seit Jahren das Netz kontrollieren will; obwohl er sich stets bemühte, zum Web-Vater zu werden, hat es zu mehr als einem Gerichtsverfahren bisher nicht gereicht: Das US-Justizministerium und 20 amerikanische Bundesstaaten strengten einen Antitrustprozeß gegen Bill Gates an, der unangenehm für ihn enden kann. Von wegen unbesiegbar.

Wirklich dominiert und in Atem gehalten wird das Internet von einer ganz anderen Phantasie. Und zwar zu sein wie eines von den unscheinbaren Dingern, die zum Listenpreis von neunundzwanzig Mark fünfzig in jedem Bahnhofskiosk zu haben sind: wie ein Buch, ein schlichtes Buch. Sosehr sich das Netz und seine Bewohner auch bemühen, die Sehnsucht nach dem Buch vergessen zu machen - jedesmal kehrt das Verdrängte noch strahlender zurück. Da muß man doch Komplexe bekommen!

Dann begannen die ersten damit, virtuelle Kompendien zu basteln, die Weltliteratur in den Computer einzugeben, Enzyklopädien anzulegen: Ebenso begeistert wie sie die Weltbibliothek eben verabschiedet hatten, begannen die Netzbürger damit, sie im Internet nachzubilden. Kurze Zeit später fuhren vor den Buchhandlungen die ersten Tieflader vor und luden Handbücher, Erlebnisberichte und Kolumnensammelbände ab, die ihre Entstehung allesamt dem Internet verdankten und die es als immaterielle Bibliothek der Zukunft priesen.

Die Vision von der bücherlosen Welt freilich war damit noch nicht ganz beerdigt. Das erledigt eben die kalifornische Firma NuvoMedia. Die stellte vor kurzem einen kleinen, tragbaren Computer vor. Er heißt Rocket eBook und versucht, ein Buch zu imitieren. Und tut das so grauenhaft schlecht, daß mit einem Mal klar wird, was wir an den kleinen, eng bedruckten Blattsammlungen haben.

Das eBook hat nämlich einen düsteren Bildschirm, ihm gehen nach 33 Stunden die Batterien aus (ein Buch, dem die Batterien ausgehen!), es kann - außer einer Volltextsuche - nichts, aber auch wirklich nichts, was nicht auch ein Reclamheft könnte, und es soll etwa 1000 Mark kosten. Seine Inhalte, also die Romane und Lyriksammlungen, bekommt das Ding aus dem Internet, gegen Geld, was sonst. Vorher muß man freilich Mitglied im Bertelsmann Club werden, wohin wir nie wollten.

Und was sagt das Buch zu alledem? Nichts. Arrogant liegt es da, ein bißchen abgegriffen, eselsohrig und mit Bleistiftstrichen markiert. Es weiß darum, daß es unter Internet-Firmen als ausgemachte Sache gilt: Wenn es ein Produkt gibt, das sinnvollerweise über das Computernetzwerk zu vertreiben ist, dann das eine. Der Komplex ist unheilbar.