Niemand mehr mag konservativ sein. Nicht einmal die CDU, die am Wochenende ihren Parteitag abhält. Der politische Wettbewerb findet allein um den Titel des besten Modernisierers statt. Wer ist der Modernste: Gerhard Schröder, der in einem fort von Innovation spricht? Oder ist er nicht modern genug, weil er Rücksicht auf den sozialdemokratischen "Traditionalisten" Lafontaine nimmt, also offenbar auf einen Konservativen? Die heutige Opposition will in ihrer Regierungszeit reformfreudig, mithin modern gewesen sein, während sie die neue Regierung auf dem Rückweg in die Vergangenheit sieht, in altväterliche Versorgungspolitik. Und bei den Grünen ist die Zeit vorbei, da manche ganz gern mit dem bewahrenden Beiklang des Umweltschutzes kokettierten; "wertkonservativ" war damals ein beliebtes Stichwort und diente zur ideologischen Absicherung schwarz-grüner Gedankenexperimente. Inzwischen geben die Grünen sich wieder ganz als Fortschritts- und Emanzipationspartei.

Für die CDU ist die Konservativismusphobie ein ernstes Problem. Zwar ist die Union nie wirklich konservativ gewesen. Die traditionsschwache Leistungsgesellschaft samt starkem sozialem Ausgleich, die sie in der Bundesrepublik durchgesetzt hat, war etwas historisch Neuartiges, und Ludwig Erhard hat den "Wohlstand für alle" nicht zu Unrecht als die eigentliche Überwindung der hergebrachten Klassenschranken gepriesen. Aber die Union hat es doch immer verstanden, den technologischen und ökonomischen Fortschritt zumindest mit dem Bekenntnis zu überlieferten Werten und Lebensformen zu verbinden, zu Familie, Heimat, Kirche und Nation. Die Faszination, die das bayerische Modell ausübt, die vielgerühmte friedliche Koexistenz von Laptop und Lederhose, hat mit dem Heimweh nach dieser goldenen Zeit des christdemokratischen Sowohl-Als-auch zu tun.

Die Marktwirtschaft aber, die wir heute erleben, ist nicht mehr bürgerlich. Dem Mittelständler der fünfziger Jahre, der seinen Betrieb den Kindern vererben wollte, mag die Verknüpfung von Geschäft und Familienwertenganz natürlich erschienen sein. Das gibt es immer noch, aber an der Speerspitze seiner Entwicklung zeigt der Kapitalismus inzwischen ein anderes Gesicht. Der Inhaber eines Aktienpakets, in dem die Anteilsscheine je nach Börsenkurs blitzschnell umgeschichtet werden, hat kein "Eigentum" mehr im dauerhaften Sinn; das patriarchalische Gefühl, "seinem" Unternehmen und dessen Mitarbeitern verpflichtet zu sein, wird er nicht entwickeln.

Und auch der Arbeitnehmer, dem die ständige Bereitschaft zum Jobwechsel abverlangt wird, hat kaum mehr Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger, der für langjährige Betriebszugehörigkeit Treueprämien erhielt. Um seine Familie wird er sich gleichfalls nicht allzusehr scheren dürfen, wenn der Beruf ihn zum Umziehen zwingt. Das Band zwischen Markt und Moral, zwischen Besitz und Bürgerlichkeit, das die Union stellvertretend für die ganze Gesellschaft geknüpft hatte, ist zum Zerreißen gespannt, wenn nicht schon zerrissen.

Man kann in dieser Lage das Konservative einfach verloren geben, die Schutz- und Bremsbedürfnisse, die es ja auch, und vielleicht immer mehr, gibt, den Sozialdemokraten überlassen und auf eine Zweiteilung der politischen Landschaft in ein marktfreundliches und ein marktskeptisches Lager hinarbeiten. Man könnte auch versuchen, einen lupenreinen, konsequenten Konservativismus zu konstruieren, einen, der mit dem Bewahrenwollen Ernst macht und es auch gegen wirtschaftliche Interessen zur Geltung bringt, der fundamentalistischen Lebensschutz und ökologische Technikkritik vereint. Für die Union ist der eine Weg sowenig gangbar wie der andere. Auf dem ersten würde sie zu einer Riesendublette der FDP, auf dem anderen zu einer Filiale der katholischen Kirche nach dem Bild des Antimodernisten Johannes PaulII. Mehrheiten sind mit beidem nicht zu gewinnen.

Ein moderner Konservativismus müßte dagegen beweisen, daß die von ihm verteidigten Traditionen mehr zur Selbstbehauptung des einzelnen in der Gegenwart beitragen als die Anpassung ans Hier und Jetzt. Daß etwa die Abiturienten humanistischer Gymnasien im Zweifel die besseren Steuerberater, Plasmaphysiker oder Software-Entwickler werden als die Opfer angeblich fortschrittlicher Bildungsreformen. Dann dürfte man freilich beim Thema Schule nicht immer gleich vorauseilenden Gehorsam gegenüber den vermuteten Bedürfnissen des Arbeitsmarkts üben und nur noch das lebenslange Lernen als Training für eine flexible Berufsbiographie propagieren. Man müßte es vielmehr wagen, von der Sache zu reden und davon, daß die Beschäftigung mit Effi Briest und der Integralrechnung in sich lohnend und wertvoll ist. Und daß Jugendliche gerade dann frei und selbstbewußt und, in Gottes Namen, wettbewerbsfähig werden, wenn man sie nicht von klein auf zur Verteidigung des Standorts Deutschland abrichtet.

Auch Altmodisches kann in die Zukunft weisen

Schließlich müßte ein moderner Konservativismus erklären, daß es durchaus keine neuen, sondern ziemlich altmodische Ideen sind, auf die es bei der "Modernisierung" des Wohlfahrtsstaats ankommt: die Bereitschaft, für die Folgen des eigenen Handelns selbst einzustehen, und die Bedürftigkeit als Kriterium für die Hilfe der Gemeinschaft. Von den Sozialpolitikern wird das als Rückschritt von der organisierten Solidarität in die Welt des Almosengebens bekämpft. Aber kennt jemand einen anderen Weg aus der Anspruchs- und Überforderungsspirale der Transfersysteme als eine Neuerfindung der Caritas?

Das sind nur Beispiele, Fragmente auch. Ein geschlossenes konservatives Weltbild ist unmöglich, nicht nur in der Politik, auch im Leben: Wir sind alle Kinder der Moderne. Aber die politische Phantasie verkümmert, wenn die Modernisierung selbst zum Dogma erstarrt, zur fixen Idee, zur letzten Instanz, gegen die keine Berufung möglich ist. Das Alte kann gut, das Neue schlecht sein. Nicht um Modern oder Unmodern geht es in der Politik, sondern um das Richtige und das Falsche. Daran zu erinnern wäre die Aufgabe eines zeitgemäßen Konservativismus.