Der Delfter Korbmachersohn Antoni van Leeuwenhoek (1632 bis 1723) gilt als Entdecker der Bakterien. Er selbst hat stets behauptet, seine Beobachtungen nur mit winzigen, einlinsigen Mikroskopen gemacht zu haben. Doch nun weist der Buchautor Klaus Meyer nach, daß der Mikroskopiker seine Bewunderer getäuscht hat (Die Geheimnisse des Antoni van Leeuwenhoek; Pabst Science Publishers, Lengerich 1998; 650 S., 60,- DM).

Leeuwenhoeks selbstgebastelte Mikroskope waren äußerst schlicht. Sie bestanden aus einer kaum zwei Millimeter dicken, bikonvexen Linse, die zwischen zwei daumengroßen Metallplatten fixiert war. Sie mußten unmittelbar vor das Auge gehalten werden und ergaben dann eine bis zu 266fache Vergrößerung. So beobachtete der Autodidakt als erster Mensch Protozoen und Bakterien. Doch niemals hat er verraten, wie er die Linsen hergestellt hat, nie hat er eines seiner etwa 500 Mikroskope aus der Hand gegeben. Weder Zar Peter der Große noch einer der Fürsten, die ihn in Delft besuchten, konnten ihm ein Mikroskop abschwatzen. Nur neun Exemplare sind erhalten geblieben.

Als der Soester Mediziner Klaus Meyer 1985 zufällig das Foto eines Leeuwenhoek-Mikroskops sah, wurde er neugierig. Er besorgte sich die Arcana und übersetzte sie aus dem Lateinischen. Meyer findet Leeuwenhoeks Originalprotokolle überwiegend "stinklangweilig und kaum verständlich". Anschaulich und begreifbar werden sie erst durch sachkundige Kommentare, mit denen Meyer jedes Kapitel seines Buches eröffnet. Sie nehmen den größten Teil des Werkes ein und gewähren einen interessanten Einblick in die damalige Wissenschaftswelt. In einem "Optisch-experimentellen Anhang" schreibt der Autor, der selbst historische Mikroskope nachgebaut und mit Kopien von Leeuwenhoeks einlinsigem microscopium simplex experimentiert hat, ein solch primitives Gerät sei zwar gut brauchbar, wenn Objekte wie ein Flohbein oder der Kopf einer Fliege auf der als Halterung dienenden Nadel festgeleimt wurden. Doch die wackeligen "Mikrosköpchen" kämen als Forschungsmikroskope nicht in Betracht; denn wie sollten die kleinen Dinger mit einer Hand gegen eine Lichtquelle gehalten und mit der anderen Hand Manipulationen an den Objekten vollbracht werden? Wie etwa wollte Leeuwenhoek damit das Wachstum von Kristallen sichtbar gemacht haben? "Nirgends fand ich irgendeinen literarischen Hinweis darauf, daß Leeuwenhoek ein Mikroskop mit Stativ benutzte", schreibt Meyer. "Damit waren zwar die zusammengesetzten (zweilinsigen) Tubus-Mikroskope anderer Hersteller ausgerüstet... Der geschickte Delfter Tüftler muß ganz genau gewußt haben, wie sich seine Einfachmikroskope durch bloßes Aufsetzen eines Okulartubus in leistungsfähigere Arbeitsmikroskope verwandeln ließen."

In einem Brief des berühmten Mikroskopikers Christian Huygens an seinen Bruder Constantin aus dem Jahr 1679 findet sich die früheste Skizze eines solchen Mikroskops mitsamt Tisch und Spiegel. Huygens war Leeuwenhoeks Fürsprecher in der Londoner Royal Society. Diese verräterische Zeichnung sowie einen Bericht des Arztes Thomas Molyneux haben seltsamerweise sämtliche Biographen unberücksichtigt gelassen. Molyneux schrieb 1685, Leeuwenhoek habe ihm erzählt, "er besitze eine andere Sorte (Mikroskope), durch die, außer ihm selbst, kein anderer je hindurchgeschaut habe. Deren Leistung stünde weit über allem, was er mir gezeigt habe. Die wollte er mich aber nicht sehen lassen."

Der Mythos, Leeuwenhoek habe seine Entdeckungen seinen winzigen "Demonstrationsmikroskopen" zu verdanken, wäre damit widerlegt. Warum er seine Zeitgenossen getäuscht hat, bleibt sein Geheimnis. Wahrscheinlich befürchtete er, Nachahmer könnten seine mikroskopischen Welten vor ihm erschließen - damals gab es noch keinen Patentschutz.