Radio FG trägt die Erinnerung an seine Gründertage heute etwas verschämt im Namen. FG steht für fréquence gaie, Schwulenfunk. Angefangen hat er als Piratensender der militanten Pariser Homosexuellenszene, wandelte sich 1982 zu einem regulären Privatsender mit viel klassischer Musik und machte bald Pleite.

Inzwischen steht Radio FG für einen Techno-Musiksender, der sich finanziell trägt. Er hat dieselbe Werbekundschaft wie andere - Supermärkte, Kleinwagen, Sportschuhe - und grast bei anderen Sendern eine junge, großstädtische Zuhörerschaft ab, denen ein gelegentlicher Wortclip für die homosexuelle Stammkundschaft von Radio FG im Zweifel egal ist. "Wir sind der einzige Schwulenfunk der Welt", sagt Christophe Vix, der Direktor, "aber es gibt uns bloß, weil wir nicht mehr tuntig und militant sind. Das geht allen auf die Nerven, und damit ist auch kein Geld zu verdienen."

Die linke Regierungsmehrheit in Frankreich hat bei Juristen und Soziologen Gutachten zu einer erneuerten Gesellschaftspolitik in Auftrag gegeben. Dahinter steht die - vor allem von den Grünen betriebene - Absicht, Antwort auf all diese Fragen zu geben. Beim ersten Versuch ist die Regierungskoalition allerdings gerade spektakulär an den eigenen Widersprüchen gescheitert. Ihre eigenen Abgeordneten sind - offenbar, um sich vor der Diskussion zu drücken - in so geringer Zahl zur Abstimmung erschienen, daß die Opposition das Projekt von der Tagesordnung kippen sollte. In dieser Woche ist es nochmals zur Lesung angesetzt, Anwesenheit Pflicht. Alle Lobbyisten - Schwule, Lesben, Katholiken, Protestanten und ein kleiner muslimischer Familienverband - wollen auf den Tribünen dabeisein.

Es geht um den pacte de solidarité civile, kurz pacs, einen neuartigen Partnerschaftsvertrag. An seinem Ursprung steht die Forderung homosexueller Paare nach einer rechtlichen Verankerung. Angeblich, aber das ist nicht zu belegen, ist der pacs die Erfüllung eines linken Wahlversprechens aus dem Sommer 1997 an die Schwulenlobby. Der Premierminister hat vorsichtshalber dafür gesorgt, daß er nicht als Regierungsvorschlag daherkommt, sondern als Entwurf des Rechtsausschusses der Nationalversammlung.

Dort ist der pacs im Laufe der Zeit zu einem vier Seiten umfassenden Gesetzesartikel herangewachsen. Das Zivilgesetzbuch soll ergänzt werden. Das Leitmodell der standesamtlich geschlossenen Ehe - einer Errungenschaft der Französischen Revolution - ist dabei so unübersehbar wie das Bemühen, in die Beziehungen einen Abstand einzubauen. Erst nach Ablauf von zwei oder drei Jahren eröffnet der pacs steuer- und erbrechtliche Vergünstigungen. Im Fall schwerer Krankheiten (wie zum Beispiel Aids) fallen die Fristen weg.

Alle bisher freien Lebensgemeinschaften - also auch Mann und Frau, die keine herkömmliche Ehe schließen wollen - sollen einen Partnerschaftsvertrag miteinander eingehen dürfen. Außerdem soll eine Unterform des pacs auch Geschwisterpaaren offenstehen, die einander in fürsorglicher Liebe verbunden sind. Warum das? Aus Hilflosigkeit, sagt die Juristin und Ethikspezialistin Catherine Labrusse-Riou. Sie bezweifelt, daß sich hinter dem Geschwister- pacs mehr verbirgt als der Versuch, die Vorstellung einer homosexuellen Bettgemeinschaft durch das rührende Gegenbild der Tischgemeinschaft von alternden Brüdern und Schwestern zu neutralisieren.

Jeder Versuch, die eigentliche Frage zu umgehen, trägt neue Mißverständnisse in das Reformvorhaben. Zwar haben nicht einmal die schärfsten Gegner des pacs bislang eingewandt, daß man so auf kaltem Weg den Inzest ins Gesetz einführe. Aber, so ist prompt gefragt worden, warum sollen bloß zwei und nicht drei Geschwister in partnerschaftlicher Verbundenheit miteinander alt werden können? Gibt es ein vernünftiges Argument, warum der Gesetzgeber die Zweierkonstellation von Lebensgemeinschaften nachhaltiger begünstigen sollte als die Heterosexualität von Paaren?