Die Saga verdient einen Romancier wie García Márquez: der kranke Tyrann im Herbst seiner Jahre, der sich in eine Londoner Klinik begibt, nur um sich dann in seinem Krankenbett unter Arrest wiederzufinden, und unter seinem Fenster schreien die Familien seiner Opfer nach Gerechtigkeit. Diese Geschichte hat ihre Reize, denn der Tyrann beging jenen menschlichen Fehler, der sich üblicherweise in Romanen findet. Er gab sich nicht damit zufrieden, an der Macht gewesen zu sein und Scheußlichkeiten begangen zu haben; es genügte ihm nicht, dem Urteil seines Volkes und der Rache seiner Feinde entronnen zu sein. Einem anderen hätte dies womöglich genügt. Er aber wollte die historische Rehabilitation. Er fühlte sich grausam falsch beurteilt, er konnte die aufgezwungene Anonymität seiner Reisen nicht ertragen. Auch wenn Mrs. Thatcher ihn mit Tee bewirtete, wußte er, daß er verhaßt war. Und das konnte er nicht ertragen.

Also bestellte er im September den Interviewer des New Yorker und appellierte an die Geschichte, ihn freizusprechen. Noch charakteristischer war das Bild, das natürlich dazugehörte und das ihn in der Pose fast majestätischer Unverschämtheit zeigte. Sich solcherart ablichten zu lassen war ein Fehler, eine Mischung aus blendender Eitelkeit und verletztem Stolz. Als Entstehungsort des Fotos war eine Londoner Klinik angegeben. Der Soldat hätte wissen müssen, daß man sein Versteck nicht preisgibt. Reizvoll für einen Romancier wäre auch die nächste Phase gewesen: wie er nach einem solchen Fehler, und das vom Krankenbett aus, mit solcher Hartnäckigkeit kämpfte, um den Rachefurien zu entrinnen. Bei jedem anderen hätte ein solches Fehlen von Resignation, eine solch zähe Lebensgier Bewunderung hervorgerufen. Es entwickelte sich ein denkwürdiger Kampf zwischen einem verwundeten Raubtier und einer ganzen Generation, die es, wie ein britischer Minister formulierte, "ekelhaft" fände, wenn er der Gerechtigkeit entkäme.

Für die Generation Blairs, Clintons und Schröders, diejenigen also, die wußte, wofür Pinochet stand, war es ein Glaubensartikel, daß es für Tyrannen kein Versteck geben dürfe, daß Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren dürften. Das sollte die Lektion von Nürnberg sein. Doch eine solche Lektion gibt es nicht, jedenfalls gab es sie nicht, als ein britischer Richter am Obersten Gerichtshof das Beweismaterial las. Der alte Tyrann profitierte nicht nur von seiner diplomatischen Immunität als chilenischer Senator, sondern auch von einer "Staatsimmunität". Wegen Straftaten, die er begangen hatte, als er Staatsoberhaupt war, konnte er nicht ausgeliefert oder angeklagt werden. Nürnberg, entschied der britische Richter, entkräfte nicht das Prinzip, daß "kein souveräner Staat gegen einen anderen bezüglich seiner souveränen Handlungen vorgeht".

Würde man den alten Diktator in Großbritannien oder Spanien vor Gericht stellen, warnte der Richter, dann könnte auch ein amerikanischer Präsident wegen der Anordnung von Kriegsverbrechen angeklagt werden; Königin Elisabeth könnte - vermutlich in Irland - wegen Straftaten, die von britischen Soldaten in Nordirland begangen wurden, angeklagt werden. Ehrenwerte Rechtsgelehrte gaben beunruhigende Präzedenzfälle zu bedenken: Normale Bürger, die in Libyen, im Irak oder Libanon jemanden überfuhren, müßten dann mit der Auslieferung in ausländische Gefängnisse rechnen.

Während der alte General sich mit aller Macht an das Leben und die Freiheit klammerte, die er anderen verweigert hatte, verwehten die hoffnungsvollen liberalen Gewißheiten einer Generation, die nun an der Macht war, unter dieser unheilvollen Allianz zwischen alternder Tyrannei und englischem Legalismus. Natürlich zählen rechtliche Feinheiten, weil der Buchstabe des Gesetzes heute einen Diktator und morgen ein unschuldiges Opfer schützt. In diesem Fall jedoch schien die Lesart des Nürnberger Präzedenzfalles nicht nur auf den Buchstaben, sondern auch auf den Geist des Gesetzes zu pfeifen. In Artikel7 der Charta der Nürnberger Prozesse heißt es explizit, daß "die offizielle Position von Angeklagten" einschließlich Staatsoberhäuptern, "nicht dafür berücksichtigt werden [soll], sie von ihrer Verantwortung zu entbinden oder ihre Strafe zu mildern". Wenn Pinochet seine Klinik als freier Mann verläßt, wer würde es ihm gleichtun? Wird Karad*ic nun das Risiko eines Ausflugs in eine Schweizer Klinik eingehen?

Es ist entmutigend, daß schlechte Menschen gute Gesetze benutzen, um die Gerechtigkeit zu besiegen. Es macht bitter, wenn gute Argumente dazu benutzt werden, Tyrannen zu verteidigen. Das gute Argument ist, daß es Sache des chilenischen Volkes und nicht der übrigen Welt ist, mit Pinochet abzurechnen. Lord Howe, ehemals britischer Außenminister, vertrat diesen Kurs in einem Leserbrief an die Times . Pinochet auszuliefern, ihn vor ein ausländisches Gericht zu stellen hieße, in einen Prozeß der Vergangenheitsbewältigung einzugreifen, der korrekterweise allein den Chilenen zusteht. Es hieße, alte Wunden aufzureißen, es destabilisierte den Übergang zur Demokratie, es signalisierte gar noch anderen Diktatoren auf der ganzen Welt, daß es besser sei, "die Sache am Ende mit dem Schießeisen auszutragen", statt sie - wie Pinochet, wie de Klerk - mittels Verhandlungen zu einem friedlichen Abschluß zu bringen.

Viele demokratische Chilenen - wenngleich nicht Pinochets Opfer - scheinen dem zuzustimmen. Der chilenische Außenminister wird dahingehend zitiert, das letzte, was ein demokratisches Chile brauche, sei, der chilenischen Rechten einen Märtyrer und eine Cause célèbre an die Hand zu geben.