In der letzten Woche habe ich einen englischen Autor getroffen, den ich als Leser schon lange bewundere, Martin Amis. Innerhalb von zehn Minuten sprachen wir über Hitler. Ich habe damit angefangen. Wie peinlich! Man beschäftigt sich, solange es die Höflichkeit erfordert, mit dem neuen Buch, dem Anlaß der Lesereise: Night Train, ein metaphysischer Thriller, handelt von einer Polizistin in einer mittleren amerikanischen Stadt, die den Selbstmord einer Jugendfreundin untersuchen muß. Das ist, sollte man meinen, soweit wie nur irgend möglich von den deutschen Scheußlichkeiten entfernt. Und dann findest du irgendeinen Clou, um zum Eigentlichen überzuleiten - Holocaust-Mahnmal, Wehrmachtsausstellung, Goldhagen, die Klagen der Überlebenden gegen deutsche Banken, die Martin-Walser-Rede...

Na, hoffentlich ist das meine private Marotte. Ich erwische mich oft genug dabei, wie ich es wieder einmal geschafft habe, in einem netten Gespräch über Bäume aus einigermaßen heiterem Himmel auf, sagen wir, die Brutalität der Einsatzgruppen zu sprechen zu kommen. Es geschieht eindeutig öfter im Gespräch mit Gästen als mit Einheimischen. Das hat etwas verzweifelt Klassenprimushaftes, als wäre man ständig darauf gefaßt, daß die Sache ohnehin gleich Thema wird, und wollte sich dann lieber schon einmal eine günstige Ausgangsposition sichern.

Auf einem Flug von Goa nach Madras hat sich mir einmal ein überaus distinguierter indischer Gentleman als Angehöriger einer religiösen Gruppe zu erkennen gegeben, die strikte Speisevorschriften beachte. Wir hatten gerade über das schmackhafte vegetarische Essen an Bord gesprochen, das er zu meinem Erstaunen unangetastet zurückgehen ließ. Er erklärte seine Abstinenz mit folgenden Worten: "Ich bin Brahmane. Glauben Sie bloß nicht, das sei etwas Großartiges. Wir sind in Indien heute eine verfolgte Minderheit." Und als er mein Stirnrunzeln bemerkte, fügte er mit komplizenhaftem Augenzwinkern hinzu: "Ein bißchen so wie die Juden bei Ihnen zu Hause, wissen Sie."

Es war dann noch ein sehr nettes Gespräch. Ich plauderte mit einer eigenartigen Munterkeit über die Unvergleichbarkeit unserer Taten, 12000 Meter hoch im Luftraum über Bangalore. Er hatte schließlich angefangen.

Was den Abend mit Martin Amis angeht, so kann ich mich nicht so leicht herausreden. Zwar hat Amis einmal einen kühnen Roman über einen NS-Täter geschrieben. In Pfeil der Zeit, so der Titel, erzählt er im Rückwärtsgang den Lebenslauf eines Nazidoktors. Dieses Buch, bereits vor sieben Jahren erschienen, war aber nicht unser Thema an diesem Abend. Martin Amis war gekommen, um in den deutschen Literaturhäusern aus seinem neuen Roman zu lesen.

Nach getaner Arbeit, beim zweiten oder dritten Bier, hatte er mich ganz harmlos gefragt, ob ich eine These habe, warum die deutsche Literatur so wenig übersetzt werde. Und da, bei dieser freundlichen Auftaktfrage zu einem gepflegten Gespräch unter Kollegen, ist es mir wieder passiert: "Hitler", hörte ich mich sagen. "Hitler ist schuld daran."

Ich weiß nicht, ob ich in diesem Gespräch irgendwie noch die Kurve gekriegt habe. Zu meiner Erleichterung schien Martin Amis nicht sehr irritiert, als er sich verabschiedete. Das kann freilich auch heißen, daß er sich schon an diese Art von Gesprächen gewöhnt hatte. Später im Bett malte ich mir aus, wie der fröhliche Lesereisende irgendwo in Deutschland eine Plauderei beginnt - und jedesmal zielsicher nach spätestens zehn Minuten bei einem Nazithema landet.