Deutschland hat einen Kanzler, einen Vizekanzler, einen Schatzkanzler, einen Präsidenten des Bundestags - vier Männer. 15 von 16 Ministerpräsidenten sind Männer. SPD, CDU, CSU, FDP und PDS haben an der Spitze von Partei und Bundestagsfraktion einen Mann. Die mächtigsten Ministerien sind Männersache. Ein Mann soll Bundespräsident werden.

Johannes Rau muß einer Frau Platz machen, nicht der Quote wegen, sondern um seiner selbst willen. Wenn er kandidiert, verrät er genau das, wofür er steht: den Ausgleich. Wenn er gewählt wird, verkörpert Rau fünf Jahre lang den Anachronismus. Was soll eine "Modernisierung", die wie eh und je die Frauen an den Rand verweist?

Ist Rau zum Schluß gekommen, es gebe weit und breit keine Sozialdemokratin, die das Amt so gut versehen würde wie er? Jedenfalls hat der Mann, der im Leben so vieles erreicht hat, die Großzügigkeit nicht aufgebracht, erst einmal zurückzustehen und damit eine offene Debatte zu veranlassen.

So etwas kann man nicht von jedem Politiker verlangen, wohl aber vom bald 68jährigen Johannes Rau, der 20 Jahre Nordrhein-Westfalen regierte und stets den Eindruck erweckte, von Politik habe er ein anderes Verständnis als die Zyniker und Selbstverwirklicher. Noch vor kurzem gab er zu verstehen, wie sehr er die Kulissenschieber "im Hintergrund" geringschätze. Doch seine Nominierung ist nichts ande- res als Kulissenschieberei. Rau wird dafür entschädigt, daß er sich aus dem Amt des Ministerpräsidenten drängen ließ.

Widerwillig beugte er sich Ende Mai der Parteiräson. Und die besagte, im größten SPD-Land Nordrhein-Westfalen werde der energische Reformer Wolfgang Clement mehr Stimmen bringen als der ermattete Landesvater Johannes Rau. Rau paßte nicht ins Wahlkampfkonzept von Schröder & Lafontaine, aber er paßt in das Schloß Bellevue. Oskar Lafontaine hat seinem Parteifreund vielleicht kein Versprechen gegeben, wohl aber Hoffnung gemacht. Das soll Politik nach dem Geschmack eines Johannes Rau sein? Und das ist, noch bevor er es antritt, sein Umgang mit dem höchsten Amt?

Dieses Amt lebt allein von der Glaubwürdigkeit des Amtsträgers. Sollte Rau die Nominierung annehmen, wird er belastet sein, so wie die Debatte von Anfang an belastet war in der SPD. Wer an eine andere Kandidatur als die von Rau dachte, der wußte, daß er es mit Lafontaine und Schröder, diesem Paar der Macht, verderben würde.

Frauen hatten da keine faire Chance in der Partei, deren Wahlprogramm einen "neuen Schwung" in der Besserstellung der Bürgerinnen verhieß. "Frauen nach vorn"? Ratsamer war es, sich hintanzustellen: Niemand soll den Sozialdemokratinnen ihre Scheu vorhalten, die aussichtslose Machtprobe mit Lafontaine und Schröder zu wagen. Das lief darauf hinaus, eine Kandidatin zugleich aufzustellen und zu verheizen.