Es ist so, als würde jemand sein bewährtes Auto wegstellen mit der Begründung: Mein Wagen ist rot, aber ich möchte gern einen blauen.

Also: Wir haben einen optimal geeigneten Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Johannes Rau. Aber einige Bürger lehnen ihn ab, ohne daß sie einen besseren nennen könnten - allenfalls sagen sie: Eine Frau müßte es sein. Oder: Wir wollen Innovation und Aufbruch, nicht immer dieselben Gesichter. Dabei haben wir soviel Neues zu verdauen wie noch nie: eine neue Regierung, eine nie dagewesene Koalition, eine neue Hauptstadt und sehr bald neues Geld.

Inwiefern ist Rau denn eigentlich optimal geeignet? Antwort: Er besitzt wie kaum ein anderer integrative Fähigkeiten; über viele Jahre ist es ihm gelungen, seine Partei und die Menschen in Nordrhein-Westfalen zusammenzuhalten, ungeachtet der Tatsache, daß viele Zechen und Stahlwerke geschlossen werden mußten. Ein Jahrzehnt lang wurde darum gestritten, ob die Förderung der Braunkohle in Garzweiler eingestellt werden solle oder nicht; in allen diesen Fällen haben Tausende um ihren Arbeitsplatz gezittert. Normalerweise hätten soziale Spannungen zu erheblichen Konflikten geführt, aber unter der Ägide des Ministerpräsidenten Rau blieben sie aus.

Was befähigte Rau dazu, diese Umstrukturierung auf friedliche Weise durchzuführen? Ganz allein seine Glaubwürdigkeit. Ihm geht es nicht um persönliche Macht oder darum, seiner Partei etwas zuzuschanzen. Jeder fühlt, ihm geht es um die Gemeinschaft, um das Ganze. Nun hat der Vorstand der stärksten Partei ihn zum Kandidaten gekürt. Auch die Frauen - und das ist ihnen hoch anzurechnen, denn sie hätten gerne eine der ihren an der Spitze gesehen - haben erklärt, daß sie für ihn stimmen werden.

Johannes Rau ist ein auf Konsens bedachter Mann, der Menschen zusammenführen kann, der Gräben zuschüttet und Versöhnung stiftet - und genau das ist es, was wir in der vor uns liegenden Epoche brauchen. Jemand muß die Ost- und Westdeutschen wieder integrieren, und Rau könnte dies. Ich kenne keinen Minister und niemand aus der politisch führenden Schicht, der in den vergangenen Jahren und auch vor der Maueröffnung so oft "drüben" gewesen ist, so viele Menschen gesprochen und so viel Verständnis für deren Gefühle gezeigt hat wie Johannes Rau.

Das Grundgesetz bestimmt für die Wahl des Bundespräsidenten ein besonderes Gremium: die Bundesversammlung. Sie setzt sich zusammen aus den Abgeordneten des Bundestags und einer gleich großen Zahl von Abgesandten der Landtage. Diese werden - wie es im Grundgesetz heißt - von den Volksvertretern der Länder nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Sie brauchen nicht alle Abgeordnete zu sein, sondern können auch aus dem Kreis der Bürger bestimmt werden. Die derzeitige Koalition in Bonn bringt es nicht zur absoluten Mehrheit in der Bundesversammlung. Sie liegt bei 670 Stimmen - SPD und Grüne haben zusammen nur 661. Aber es wird sicher einen gewissen Zuzug aus anderen Parteien geben, so daß selbst ein möglicher Verlust an Wählern aus der Koalition ausgeglichen werden kann. Außerdem genügt beim dritten Wahlgang die einfache Mehrheit.

Johannes Rau hat ein besonderes Verhältnis zur Humanitas, ein besonderes Talent auch, auf menschliche Weise mit Vertretern aller sozialen Schichten zu sprechen. Er war 20 Jahre lang Ministerpräsident, saß 28 Jahre am Kabinettstisch in NRW, hat also große Erfahrung.