Mit gelb glühenden Augen funkelte er sie an. Kein Anschreien, kein Händeklatschen konnte ihn vertreiben, den Fuchs, der eines Morgens in der Dämmerung bei Ursula Rapp vor der Haustür saß. Mehrere Wochen lang wartete fortan das Tier jeweils bei Tagesanbruch an ihrer Türschwelle, mitten in der Stadt Konstanz, zwischen Häusern und geparkten Autos. "Ich habe mich zunächst furchtbar erschreckt und bin immer mit schlotternden Knien an dem Tier vorbeigeschlichen, wenn ich frühmorgens zur Arbeit ging", erzählt sie.

Inzwischen sind der morgendliche Gast und seine Artgenossen zu einem Hobby der Tierarzthelferin geworden. Mehr als hundert solcher Stadtfüchse haben in Konstanz Quartier bezogen. Großspurig, stolz oder verspielt - Ursula Rapp kennt die Eigen- art vieler Tiere, findet sie "sportlich und bewundernswert gelenkig" und plant mit der Arbeitsgruppe "Natur erleben" Vorträge, um die Konstanzer mit ihren neuen Nachbarn vertraut zu machen. Nach nächtelanger Pirsch durch die Stadt weiß sie, daß die Füchse ihre menschlichen Mitbewohner sehr genau einschätzen können. "Als ich mich für die Tiere zu interessieren begann, ihnen nachspionierte, verschwanden sie plötzlich", erzählt Ursula Rapp von ihren ersten Beobachtungen bei Dunkelheit. Ein halbes Jahr lang habe sie nur Spuren gesehen und manchmal ganz nah ein "verächtliches Schnüffeln" gehört. "Die Füchse sind sehr geschickt im Umgang mit Menschen. Sie lassen sich sicherlich nicht mehr leicht aus der Stadt verjagen."

"Einer Hypothese zufolge hängt das mit den typischen englischen Doppelhäusern zusammen, die alle von kleinen Gärten umgeben sind", sagt Ulrich Müller, Mitarbeiter der Tollwutzentrale in Bern. "Das viele Grün soll den Füchsen den Einzug ins Siedlungsgebiet erleichtert haben." Für wichtiger hält Müller allerdings die Tatsache, daß in Großbritannien nie die Tollwut grassierte. Auf dem Kontinent dezimierte sie die Zahl ih- rer Hauptüberträger, der Füchse, dagegen so stark, daß sie sich nicht bis in die Städte ausbreiteten. Erst landesweite Immunisierungen der Tiere mit Impfködern veränderten die Lage: So wurde die Tollwut beispielsweise in Deutschland, Frankreich, Österreich oder der Schweiz nahezu ausgerottet. Von der tödlichen Geißel befreit, stieg die Zahl der Füchse fast um das Vierfache, und sie begannen aus überfüllten Wildrevieren in die Städte zu drängen.

Zum Beispiel auch nach Zürich. Seit zwei Jahren stehen sie dort unter wissenschaftlicher Aufsicht von Wildbiologen, Tollwutexperten, Parasitologen und Sozialkundlern: Das "Integrierte Fuchsprojekt" soll zeigen, wie Wildtier und Mensch auf engem Raum friedlich nebeneinander leben können. Bis zu 700 Füchse haben die Forscher im Stadtgebiet gezählt. Unterschlupf finden die Tiere überall, wo Menschen sie nicht stören: in Mauerspalten, Abwasserrohren oder unbenutzen Baugerüsten.

Manchmal allerdings strapazieren sie die Toleranz der Bevölkerung zu stark. "Wenn eine Fuchssippe sich unter der Grabplatte einer Familiengruft häuslich einrichtet oder die Fundamente des Gartenschuppens ausbuddelt, dann wird schon mal der Ruf laut, die Tiere wieder in die Wälder zu schicken", sagt Christian Stauffer, Zoologe am Waldamt in Zürich. Doch gezieltes Abschießen in einigen Vierteln habe lediglich bewirkt, daß sich das Durchschnittsalter der Füchse verringerte, nicht aber ihre Anzahl. Denn die Tiere erweisen sich als sehr anpassungsfähig. Nimmt ihr Bestand ab, bringen die Weibchen mehr Junge zur Welt. Gleichzeitig rücken in die frei gewordenen Territorien sofort Streuner aus anderen Bezirken nach.

Um das Verhalten der Einwanderer zu erkunden, haben Wildbiologen einigen Füchsen kleine Sender umgehängt. So gekennzeichnete Tiere lassen sich anhand von Funksignalen orten und verfolgen. "Obwohl die Studie noch nicht abgeschlossen ist, zeichnet sich bereits ab, daß Füchse, die in der Stadt aufgewachsen sind, auch im Siedlungsgebiet wohnen bleiben", sagt Fabio Bontadina, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Stadtökologie. Echte Städter also, die sogar ihre Lebensweise ein wenig umgestellt haben: Auf ihren Beutezügen pirschen sie durch kleinere Reviere als ihre Artgenossen auf dem Land. Außerdem bilden sie Großfamilien. Während sich in freier Wildbahn gewöhnlich nur Paare ein Territorium teilen, bleiben in der Stadt häufig mehrere erwachsene Töchter bei ihrer Mutter.

"Vermutlich hängen diese größeren Gruppen und kleineren Streifgebiete mit dem üppigen Nahrungsangebot zusammen", meint Bontadina. Denn Füchse sind keine Feinschmecker, sondern eher kulinarische Opportunisten. Ob Küchenabfälle, Obst, Regenwürmer oder Mäuse - sie fressen alles, was leicht zu ergattern ist. Und in Menschennähe finden sie reichlich Futter, nicht nur in Müllsäcken und Biotonnen. Auch unbehütete Kleintiere wie Meerschweinchen oder Kaninchen können ihnen zum Opfer fallen. "Hin und wieder kommt es sogar vor, daß ein Fuchs durch offene Türen oder Fenster in ein Wohnhaus schleicht und dort das frischgebratene Huhn vom Stubentisch klaut", sagt Christian Stauffer. Doch nach jahrhundertelanger Erfahrung mit Jägern sei der Fuchs "eigentlich viel zu menschenscheu für solche Aktionen".