Der erste Turm- Talk mit Stefan Aust als Moderator hatte nur einen Gast: den Kanzler. Und es erwies sich bereits bei den Präliminarien, daß nichts mehr so ist, wie es war. Da saßen sich zwei alte Bekannte gegenüber und beschlossen, fürs Fernsehen zum "Sie" zurückzukehren - und zur Kontroverse, die sich im folgenden Frage- und Antwortspiel zwar nicht entscheiden konnte, aber doch schon mal mit ihren Muskeln protzte. Wird man jetzt chic bei den Roten? "Wir fahren nicht vor, wir kommen einfach." Wird es mehr Staat geben mit den Sozis? "Einen intelligenteren Staat." Ob er denn mit dem zufrieden sei, was die Medien über seinen Regierungsantritt geschrieben hätten, fragte Aust gegen Schluß den Kanzler. "Wäre ich das", replizierte der prompt, "stimmte etwas mit den Medien nicht." Und der Moderator pflichtete ihm herzhaft lachend bei.

Ist das nun Spielerei oder gar Schmu? Ein Spiel, ja, kein abgekartetes, vielmehr ein gekonntes. Die vierte Gewalt zeigt, daß sie bereit und fähig ist, die erste zu kontrollieren, und die erste beweist, daß sie diese Kontrolle ebensowenig fürchtet, wie sie deren Notwendigkeit bezweifelt. Das demokratische Procedere mit seiner Gewaltenteilung und seinen Kontrollinstanzen hat per se etwas Künstliches und Ausgetüfteltes. Das darf und soll sich in seinen medialen Reflexen durchaus wiederfinden. Wenn Aust, der Spiegel -Mann, dem neuen Kanzler ein Podium bietet, indem er ihm provozierende Fragen stellt, die dieser nur allzugern beantwortet, und wenn Schröder, der Regierungschef, die Medien kampflustig ermuntert, ihres Amtes zu walten und ihm das Leben schwerzumachen, so ist das kein So-tun-als-ob, sondern ein Spiel nach den Regeln - in dessen Übergängen und Zwischenräumen übrigens noch genügend Platz für Überraschungen und Spontaneität bleibt.

Ein Kanzler, der gern ins Kamerauge lächelt und selbst auf Fragen wie: "Kennen Sie Ziele außerhalb Ihrer eigenen Person?" in aufgeräumter Besonnenheit zur Antwort ausholt, läßt hoffen, daß auch im Fernsehen bald nichts mehr ist, wie es war.