Die alte Gesundheitsregel gilt in Deutschland noch viel: An ap-ple a day keeps the doctor away. Äpfel stehen hierzulande ganz oben in der Gunst der Verbraucher. Auch Amerikaner wissen den Rat zu schätzen. Ganz nach dem Motto "Je mehr, um so besser" vertilgen sie gern auf einen Schlag gleich ein paar hundert Früchte - in Pillenform. Hohe und höchste Dosierungen einzelner Vitamine und Mineralstoffe gelten in den USA derzeit als die neuen Gesundheitsgaranten.

Die Megamittel sollen Herzinfarkte verhindern, Krebs vermeiden, fette Fritten verträglicher machen, das Baby der schwangeren Raucherin schützen oder gar das Altern verzögern. Immer neue Studien über die Wunderwirkung von Vitaminen und Mineralstoffen machen die Runde, und immer mehr Verbraucher glauben daran. Nun sollen die Europäer von der Vitamania infiziert werden.

Rund tausend verschiedene Präparate stehen denn auch schon in den Regalen der amerikanischen Supermärkte und health food stores. Über den Versandhandel können Kunden gar ihre individuelle Mischung ordern: eine Prise A, eine Megadosis C oder die Extraportion E mit etwas Eisen und Selen, ganz nach Belieben. Anders als in Deutschland sind hochdosierte Vitaminpräparate in den USA frei verkäuflich.

In Europa sind die Deutschen einsame Spitze

Mittlerweile kämpfen einige der Hersteller recht rabiat dafür, ihre Ware auch in der Bundesrepublik so frei wie Himbeerbonbons verkaufen zu können. Die holländische Firma Matthias Rath B.V. etwa startete Ende September in Berlin eine große Plakataktion und rief die Deutschen zur Demonstration für "Vitaminfreiheit" auf. Schließlich, so verspricht der geschäftstüchtige Mediziner Rath, seien Herzinfarkt und Schlaganfall mit hohen Vitamindosen zu verhindern und damit Millionen Menschen vor dem frühen Tod zu retten. Prompt versammelten sich an einem trüben Montagnachmittag ein paar Dutzend Anhänger des Vitamingurus vor dem Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin-Marienfelde. Drinnen diskutierten Regierungsvertreter aus 39 Nationen auf einer Tagung des sogenannten Codex Alimentarius im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO über das Thema.

Solange sich die Gesetze nicht änderten, sei dem Geschäft mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten in Deutschland Grenzen gesetzt, bedauern Vertreter der European food supplement industry. Mittel, die mehr als die dreifache Tagesdosis eines Wirkstoffes enthalten, gelten in der Bundesrepublik als Arzneimittel, müssen entsprechend strengere Kriterien erfüllen und dürfen nur in Apotheken oder gar nur auf Rezept verkauft werden. Die deutschen Hersteller der sogenannten Nahrungsergänzungsmittel können vom finanziellen Erfolg ihrer amerikanischen Kollegen mit den neuen Megadosen deshalb nur träumen.

Bei den klassischen niedrigdosierten Kalzium-, Magnesium- oder Multivitaminprodukten schrumpfen die Gewinnspannen von Jahr zu Jahr. Seit die Ärzte unter Kostendruck geraten sind und die Mittel nicht mehr so freizügig verschreiben, kaufen die Verbraucher immer öfter billig im Supermarkt ein. Der Preiskampf zwischen den Pharmafirmen mit ihren teuren Apothekenpackungen und den zahllosen anderen Anbietern von freiverkäuflicher Ware ist voll entbrannt. Schon kostet die Zwanzigerpackung Multivitamin-Brausetabletten bei Aldi nur noch 1,29 Mark. Doch obwohl die Produkte immer billiger werden, steigen die Umsätze der Hersteller um jährlich zwei bis drei Prozent. Auch die Deutschen schlucken also immer mehr Vitamine und Mineralstoffe aus dem Labor. Fast eine Milliarde Mark gaben sie im vergangenen Jahr dafür aus und sind damit in Europa einsame Spitze. Und das, obwohl die Firmen nicht mit krankheitsbezogenen Versprechen werben dürfen. Die Aussage "Kalzium gegen Osteoporose", in Amerika offiziell erlaubt, wäre in Deutschland für die Behörden ein Grund, das Mittel sofort zu verbieten. Doch der Glaube an die positive Kraft von Vitami- nen und Mineralstoffen ist auch ohne explizite Werbeslogans bei deutschen Verbrauchern weit verbreitet.