Truman hat im Wahlkampf seinen Gegenkandidaten mehrfach als einen Exponenten von Big Business und Wallstreet geschmäht. Dies mag als ein demagogisches Schlagwort erscheinen, aber immerhin bestehen enge persönliche Bindungen des Gouverneurs des Staates New York, Dewey, mit den Kreisen von Wallstreet und den großen Familien der Finanz und Industrie, wie Rockefeller, Morgan, Guggenheim, Dupont, Strauß und, was sich vor allem auf dem Parteitag gezeigt hatte, mit den einflußreichen Fabrikantenfamilien des Staates Pennsylvanien. Dieses Schlagwort findet nach der Meinung weiter Kreise auch in der Art und dem Auftreten von Dewey eine gewisse Bestätigung. Dewey ist nie ein Volkstribun gewesen und wird es nie werden. Dazu fehlen ihm die Wärme und die gewinnende Art, dafür ist seine Stimme zu kalt, sind seine Formulierungen zu nüchtern und trocken. Er hatte einen geringeren Publikumserfolg als Truman.

Anderseits ist Dewey in seiner Haltung zu eigenwillig, in seinen Ideen zu konsequent, als daß es leicht sein könnte, ihn zum Werkzeug einer bestimmten Richtung oder Gruppe zu machen. Als Gouverneur hat er hinreichend bewiesen, daß er in kritischen Momenten und in entscheidenden Fragen seinen eigenen Weg geht und sich selbst seine Mitarbeiter sucht. Der Kurs seiner Politik liegt fest. Innenpolitisch ist er gemäßigt-fortschrittlich und liberal, nach alten deutschen Parteibegriffen würde man sagen: linker Flügel der Deutschen Volkspartei. Als Außenpolitiker ist er in Richtung einer scharfen Haltung gegenüber der Sowjetunion sowie durch sein Eintreten für einen wirtschaftlichen und militärischen Marshall-Plan und vor allem für eine westeuropäische Union festgelegt. Seine Gesamthaltung ist getragen von einer christlichen Missionsidee amerikanischer Prägung. Seine engsten Mitarbeiter für eine solche Politik sind in der Außenpolitik John Foster Dulles, in der Innenpolitik Eugene D. Millikin und Wayne Morse, in Gewerkschaftsfragen Irving M. Ives, in Wirtschafts- und Finanzfragen Paul E. Hoffman, Winthrop Aldrich und Wilson. Diese und andere Männer aus dem Stabe oder der Umgebung von Dewey sind kaum als typische Vertreter Wallstreets oder der Republikanischen Parteimaschine anzusehen. Eine Regierung etwa mit Dulles als Außenminister, Aldrich als Finanzminister, Ives als Arbeitsminister wäre sogar eine Abkehr von der traditionellen republikanischen Linie und würde kaum die Anerkennung der bisherigen republikanische Parteileitung unter Halleck, Martin, Taber, Taft finden. Die Parteimaschine hatte Dewey auf dem Parteitag nur akzeptiert, weil ein Kandidat aus ihrem Kreise, wie etwa Taft, wenig Aussichten hatte und vielleicht ein noch weiter linksgerichteter Gegenkandidat, wie Staassen, aufgestellt worden wäre. Der Kampf zwischen Parteimaschine und Dewey setzte sofort ein. Die erste Auseinandersetzung gewann Dewey mit der Nominierung von Warren als Vizepräsident. Aber im Wahlkampf hielt sich Dewey auffallend zurück. Die Parteilinie wurde von ihm eingehalten. Wo immer dir republikanischen Kandidaten für das Haus oder den Senat gefährdet erscheinen, setzte er sich für sie ein, auch wenn sie als Isolationisten oder Reaktionäre innerhalb der Partei in schärfster Opposition zu ihm sehen, wie zum Beispiel für Brooks, Wherry und natürlich auch für Halleck. Um so sensationeller wirkte es, daß Dewey sich in den letzten Tagen vor der Wahl entgegen früherer Ankündigungen schroff distanzierte gegenüber dem Senator Revercomb (Westvirginia), der als Ausschußvorsitzender die Vorlage über die Einwanderung von Heimatlosen im antisemitischen und antikatholischen Sinne beeinflußte und als Fremdenhasser für den Gouverneur des internationalsten der 48 Staat wohl doch ein zu starke Belastung gewesen wäre. Ob Dewey als Präsident ohne Rücksicht auf Parteiinteressen ebenfalls so betont seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen kann, wird vor allem von der Haltung des Kongresses abhängen. Da dessen Zusammensetzung weit ungewisser war als der Ausgang der Präsidentenwahl, konzentrierte sich der Wahlkampf immer mehr auf die strittigen Plätze für das Haus und den Senat. Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara