Rainer Kolk hatte immer die besten Noten. Im Examen eine Eins, für die Doktorarbeit summa cum laude. Rainer Kolk arbeitet selbstverständlich auch am Wochenende und, wenn nötig, bis spät in die Nacht. Rainer Kolk ist obendrein mobil. Ob Konstanz oder Kiel, für seinen Job durchquert er die Republik. Lebenslanges Lernen? Für Rainer Kolk kein Problem. Seit seinem sechsten Lebensjahr macht er nichts anderes.

Eifer, Ehrgeiz, Eigeninitiative: Der 43jährige bringt alles mit, was heute eine Karriere verspricht. Und hätte er einen anderen Beruf gewählt, dann wäre er heute vielleicht Direktor einer Schule. Oder Ressortchef bei einer Zeitung. Oder Abteilungsleiter in einem Unternehmen, mit gutem Einkommen und einer sicheren Zukunft.

Rainer Kolk nennt sich Privatdozent. Diesen sehr deutschen Titel erwirbt, wer nach 4 Jahren Grundschule, 9 Jahren Gymnasium, 7 Jahren Studium, 5 Jahren Promotion noch rund 7 weitere Jahre in die Lehre geht und am Ende ein dickes Buch abgibt: die Habilitation. Dann ist man im Schnitt 40 Jahre alt, hat den Gipfel akademischer Rangbezeichnungen erklommen - und steht kurz vor dem Nichts.

Die Alma mater ist eine Rabenmutter. Sie hat zu viele Kinder geboren und großgezogen, und die meisten hat sie vernachlässigt. Bis ins hohe Alter läßt sie den Nachwuchs im Nest hocken und macht ihm Hoffnungen, dann wirft sie ihn auf die Straße. Damit ist die junge Gelehrtengeneration in eine Abhängigkeit geraten, die selbst nach der letzten Reifeprüfung, der Habilitation, anhält. Denn wer außer der Universität will einen Rainer Kolk noch nehmen? Einen 43jährigen hochspezialisierten Geisteswissenschaftler, einen Meister seines Fachs, bar jeder praktischen Erfahrung? Die Professur ist das Ziel eines jeden Privatdozenten. Der einzig mögliche Arbeitsplatz. Drum muß er warten, bis ihn der "Ruf" einer deutschen Universität ereilt.

Rainer Kolk, ein Germanist mit Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur, wartet seit dem Sommer 96. Nach seiner Habilitation an der Universität Köln hat er ein Dutzend Bewerbungen abgeschickt, "auf alles, was ausgeschrieben wurde". Viel ist das sowieso nicht gewesen. Drei bis vier Stellen werden jedes Semester in Deutschland frei, auf die sich an die 100 habilitierte Germanisten stürzen. Dreimal hat eine Universität Kolks Veröffentlichungen angefordert: eine lange Liste von Büchern und Aufsätzen. "So viel haben Professoren früher erst am Ende ihrer Karriere veröffentlicht."

Der Publikationsfleiß hat Kolk nicht geholfen. Seine Mitbewerber sind genauso emsig. Einmal erreichte Kolk sogar die nächste Runde. Er wurde zu einer Probevorlesung eingeladen und durfte "vorsingen". Auf die dreiköpfige Berufungsliste schaffte es Kolk dennoch nicht.

Warum? Kolk läßt die Schultern zucken. "Das sagt einem niemand." Vielleicht war der Vortrag nicht gut genug. Vielleicht suchte die Fakultät einen Professor mit einem anderen Forschungsschwerpunkt. Vielleicht wußte die Berufungskommission schon vorher, welchen Bewerber sie haben will. Da wird im Vorfeld telefoniert, gekungelt und geschachert.