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Rainer Kolk hatte immer die besten Noten. Im Examen eine Eins, für die Doktorarbeit summa cum laude. Rainer Kolk arbeitet selbstverständlich auch am Wochenende und, wenn nötig, bis spät in die Nacht. Rainer Kolk ist obendrein mobil. Ob Konstanz oder Kiel, für seinen Job durchquert er die Republik. Lebenslanges Lernen? Für Rainer Kolk kein Problem. Seit seinem sechsten Lebensjahr macht er nichts anderes.

Eifer, Ehrgeiz, Eigeninitiative: Der 43jährige bringt alles mit, was heute eine Karriere verspricht. Und hätte er einen anderen Beruf gewählt, dann wäre er heute vielleicht Direktor einer Schule. Oder Ressortchef bei einer Zeitung. Oder Abteilungsleiter in einem Unternehmen, mit gutem Einkommen und einer sicheren Zukunft.

Rainer Kolk nennt sich Privatdozent. Diesen sehr deutschen Titel erwirbt, wer nach 4 Jahren Grundschule, 9 Jahren Gymnasium, 7 Jahren Studium, 5 Jahren Promotion noch rund 7 weitere Jahre in die Lehre geht und am Ende ein dickes Buch abgibt: die Habilitation. Dann ist man im Schnitt 40 Jahre alt, hat den Gipfel akademischer Rangbezeichnungen erklommen - und steht kurz vor dem Nichts.

Die Alma mater ist eine Rabenmutter. Sie hat zu viele Kinder geboren und großgezogen, und die meisten hat sie vernachlässigt. Bis ins hohe Alter läßt sie den Nachwuchs im Nest hocken und macht ihm Hoffnungen, dann wirft sie ihn auf die Straße. Damit ist die junge Gelehrtengeneration in eine Abhängigkeit geraten, die selbst nach der letzten Reifeprüfung, der Habilitation, anhält. Denn wer außer der Universität will einen Rainer Kolk noch nehmen? Einen 43jährigen hochspezialisierten Geisteswissenschaftler, einen Meister seines Fachs, bar jeder praktischen Erfahrung? Die Professur ist das Ziel eines jeden Privatdozenten. Der einzig mögliche Arbeitsplatz. Drum muß er warten, bis ihn der "Ruf" einer deutschen Universität ereilt.

Rainer Kolk, ein Germanist mit Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur, wartet seit dem Sommer 96. Nach seiner Habilitation an der Universität Köln hat er ein Dutzend Bewerbungen abgeschickt, "auf alles, was ausgeschrieben wurde". Viel ist das sowieso nicht gewesen. Drei bis vier Stellen werden jedes Semester in Deutschland frei, auf die sich an die 100 habilitierte Germanisten stürzen. Dreimal hat eine Universität Kolks Veröffentlichungen angefordert: eine lange Liste von Büchern und Aufsätzen. "So viel haben Professoren früher erst am Ende ihrer Karriere veröffentlicht."

Der Publikationsfleiß hat Kolk nicht geholfen. Seine Mitbewerber sind genauso emsig. Einmal erreichte Kolk sogar die nächste Runde. Er wurde zu einer Probevorlesung eingeladen und durfte "vorsingen". Auf die dreiköpfige Berufungsliste schaffte es Kolk dennoch nicht.

Warum? Kolk läßt die Schultern zucken. "Das sagt einem niemand." Vielleicht war der Vortrag nicht gut genug. Vielleicht suchte die Fakultät einen Professor mit einem anderen Forschungsschwerpunkt. Vielleicht wußte die Berufungskommission schon vorher, welchen Bewerber sie haben will. Da wird im Vorfeld telefoniert, gekungelt und geschachert.

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Im Schnitt verstreichen im deutschen Wissenschaftsbetrieb zwei und mehr Jahre zwischen der Habilitation und der sogenannten Erstberufung. Im Alter von 43 - die produktivsten Jahre hinter sich, die Schläfen schon grau - verfügen die meisten Wissenschaftler erstmals in ihrem Leben über einen festen Arbeitsplatz und ein geregeltes Einkommen. Zuvor leben sie von Stipendien, sitzen auf halben oder gedrittelten Stellen, forschen für ein paar Jahre als sogenannte "Sachbeihilfe" in Projekten oder arbeiten als Assistenten für sechs Jahre an der Seite eines Professors. Wer Riesenglück hat, ergattert nach der Habilitation eine der raren (befristeten) Stellen als Hochschuldozent oder Oberassistent.

Herrn Kolk widerfuhr nur ein kleineres Glück. In Köln und Dresden durfte er einen Professor vertreten, im nächsten Jahr könnte es eventuell noch mal klappen. Eine Vorlesung und drei Hauptseminare gab er in Dresden und bekam dafür 3500 Mark brutto - und obendrauf noch eine Bahncard. Sein Hotelzimmer und die Heimfahrt nach Detmold mußte er allerdings selbst bezahlen. Am Ende blieben ihm monatlich ungefähr 1000 Mark.

Der Kasseler Hochschulforscher Jürgen Enders hat 14 Universitätssysteme verglichen. Heraus kam, daß in keinem der untersuchten Industrieländer die Kluft zwischen den Pro- fessoren und dem wissenschaftlichen Nachwuchs so gewaltig ist wie in Deutschland. Hochschullehrer genießen ein hohes Prestige und einzigartige Privilegien. Unkündbare Beamte, niemandem Rechenschaft schuldig. Ihren Arbeitstag teilen sie sich ein, wie es ihnen paßt, Vorschriften gibt es für sie wenige.

Von der Lehre in die Rente - der Witz wird an der Uni wahr

Abhängig und auf wackligem Posten die Jungen. Ob Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter oder Assistenten - fast alle sind weisungsgebunden und direkt einem Professor unterstellt. Die meisten haben nur einen Zeitvertrag, oft ohne jeden sozialen Schutz. Nirgendwo auf der Welt klafft der Abstand zwischen dem Einkommen des Professors und dem seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter so weit auseinander wie in Deutschland.

Dabei liegt der Großteil der Arbeit an den Universitäten auf den Schultern nichtprofessoraler Wissenschaftler. Zwei Drittel der Lehre und nahezu vier Fünftel der Forschungsaktivitäten werden von ihnen bestritten, ermittelten Hochschulforscher. Ohne die unzähligen Privatdozenten, Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die für ein paar hundert Mark im Semester eher um der Ehre willen Seminare abhalten, wäre die Ausbildungsmaschine Universität längst wegen Überlastung zum Stillstand gekommen.

Zwischen dem akademischen Adel und dem wissenschaftlichen Proletariat gibt es kaum etwas. Der akademische Mittelbau ist eine Bruchbude. In keinem anderen Universitätsbereich riß die Sparwut solche Löcher. Wer heute in der Universität etwas werden will, steht deshalb vor der Alternative: Aufstieg oder Absturz. Hartmut Schiedermair vom Deutschen Hochschulverband hält die Sonderrechte der Professoren für gerechtfertigt: "Professor ist ein Hochrisikoberuf." Was er übersieht: Das Risiko trägt der wissenschaftliche Nachwuchs.

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Klagen will Rainer Kolk dennoch nicht. "Ich habe zum Glück meine Frau im Rücken", sagt er. Um andere Kollegen stehe es schlimmer. Die kriegten noch Taschengeld von ihren Eltern. Einige verfielen in Depressionen. Ein paar Jahre der Hoffnung bleiben dem Germanisten Kolk noch. Mit 47 wird es dann richtig schwierig, eine Stelle zu bekommen. Die offizielle Berufungsgrenze liegt meist bei 52 Jahren. Von der Lehre in die Rente. In keiner Institu- tion steckt im Witz vom endlosen deutschen Bildungsweg so viel Wahrheit wie im Ausleseverfahren der Hochschule selbst.

Die Qualität eines Wissenschaftssystems läßt sich nur schwer messen. Zu vage sind die Kriterien, zu unterschiedlich die Disziplinen und Universitäten. Den deutschen Professor gibt es ebensowenig wie die Wissenschaft. Allerdings liegen Indizien vor, die der deutschen Hochschule insgesamt nicht schmeicheln: Ausländische Nachwuchswissenschaftler machen um Deutschland einen großen Bogen. In den USA kommt jeder dritte Doktorand aus einem anderen Land, in Deutschland jeder fünfzehnte. Die Zahl der von Professoren angemeldeten Patente ist klein. Die internationalen Debatten in Philosophie, Geschichte oder Ökonomie werden von deutschen Wissenschaftlern emsig rezipiert, angestoßen werden sie kaum.

Die Kritik an der deutschen Professorenausbildung ist alt und folgenlos. Bereits Max Weber konstatierte 1917, er kenne kaum eine Laufbahn, bei der "der Hasard und nicht die Tüchtigkeit als solche eine so große Rolle spielt". Dabei galt die Nachwuchsrekrutierung als ein Grund für den Erfolg der deutschen Universität des 19. Jahrhunderts. Nach den Humboldtschen Reformen war neben der Promotion die Habilitation eingeführt worden: als zusätzliche Hürde auf dem Weg in den Professorenstand. Man wollte die Flut von mäßig talentierten Doktoren eindämmen, die alle in die Lehre drängten, und man wollte den etablierten Professoren das Hörgeld abspenstig machten. Zu Schiedsrichtern über die Eignung eines jungen Mannes machten sich die Professoren selbst.

Die Neuerung setzte ein ungeheures wissenschaftliches Potential frei. Wer in der Uni etwas werden wollte, mußte forschen. Der Preis für den Fortschritt aber war auch damals schon die wirtschaftliche Unsicherheit, denn ein Einkommen bezogen die Jungforscher nicht. Deshalb bezweifelte Max Weber, ob man jungen Gelehrten guten Gewissens den Rat geben dürfe, Professor zu werden.

Dieses Modell existiert in seinen Grundzügen bis heute, wobei aus dem frei schwebenden Habilitanden später der bezahlte Assistent auf Zeit wurde. Solange die Zahl der Lehrstuhlanwärter klein blieb und die Universitätslandschaft expandierte, funktionierte das Modell auch. Die Nachwuchsgelehrten waren erst um die Dreißig. Scheiterten sie, fanden sie ihr Auskommen außerhalb der Universität, meist in der Schule. Heute haben sich die Vorzeichen umgekehrt: Die Anwärter sind zehn Jahre älter, knappe Kassen zwingen zu Personalkürzungen, gleichzeitig produziert die Massenuniversität durch Stipendien, Förderprogramme, Drittmittel massenhaft akademischen Nachwuchs.

An Vorschlägen, das System zu reformieren, herrscht kein Mangel. Fast alle orientieren sich an den angelsächsischen Hochschulmodellen, wo die Junggelehrten eine strukturierte Laufbahn absolvieren - ähnlich wie in jedem Unternehmen (siehe Seite 19: "Noten für die Vorlesung"). Bislang jedoch liefen alle Reformanläufe - von der Assistentenbewegung der 68er bis zum neuen Hochschulrahmengesetz - ins Leere. Sie scheiterten am politischen Streit zwischen Bund und Ländern und am Widerstand der organisierten Professorenschaft. Die Hochschullehrer wollten ihre privilegierten Positionen nicht aufgeben und die Habilitation als Mauer zwischen sich und den Nachfolgern gefestigt wissen. Den Ordinarien nützt es, daß diejenigen, die es geschafft haben, auf die andere Seite der Mauer zu gelangen, nur noch wenig Wut auf das System verspüren.

Professoren sind Platzhirsche, die ihr Revier verteidigen

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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zog aus der professoralen Reformresistenz vor kurzem einen bemerkenswerten Schluß. Gemeinsam mit dem Bonner Wissenschaftsministerium legte sie ein neues Förderprogramm auf, das der Ordinarienhierarchie die Ausbildung ihres Nachwuchses quasi aus der Hand nimmt. Innerhalb von fünf Jahren sollen junge Wissenschaftler ohne Habilitation "berufungsfähig" werden. Die Stipendien des Emmy Noether-Programms werden aber nur wenigen hochtalentierten Forschern zugute kommen.

Den etablierten Professoren die Sicherheit zu nehmen und sie dem Nachwuchs zugute kommen zu lassen ist auch der Wille der neuen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Sie will das starre Dienstrecht der Professoren lockern. Sie sollen künftig nach Wichtigkeit und Leistung bezahlt werden. Alterszulagen sollen entfallen, Berufungs-, Bleibe- und Sonderzuschüsse befristet werden.

Bisher sind solche Pläne an der Widerstandskraft der Ordinarien gescheitert. Die übliche Personalpolitik an den deutschen Universitäten hatte das Bonner Bildungsministerium bereits vor einem halben Jahr mit erstaunlicher Schärfe angegriffen: Das Verfahren, mit dem hierzulande Nachwuchsförderung betrieben werde, sei intransparent, wettbewerbsfeindlich und von persönlichen Beziehungen geprägt. Stellen, auf denen sich junge Forscher bewähren können, gelten als "geschlossene Reservate". Dicke Platzhirsche weiden hier und verteidigen ihr Terrain gegen jeden Eindringling. Sie reagieren überdies äußerst nachtragend auf jede Widerrede. Was dazu führt, daß Nachwuchsforscher unliebsame Themen lieber meiden. So galt es unter Nachwuchshistorikern jahrzehntelang als unklug, laut danach zu fragen, was deutsche Historikergrößen wie Werner Conze oder Theodor Schieder vor 1945 gemacht hatten. "Darin steckten persönliche Risiken", sagt der Vorsitzende des Historikerverbandes, Johannes Fried. Als der junge Historiker Andreas Eckert gebeten wurde, für eine französische Zeitschrift über die historische Forschung in Deutschland zu schreiben, rieten ihm Kollegen daher dringend ab. Da müsse er wohl auch Professoren erwähnen, denen er irgendwann wieder begegnen werde - als Gutachter eines Forschungsantrages etwa oder als Mitglied einer Kommission, die über seine Habilitation zu befinden habe oder seine Bewerbung um einen Lehrstuhl entscheide.

Die akademische Welt ist klein. Eckert, Nachwuchshistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, hat bereits Erfahrung mit Empfindlichkeiten gemacht. Mehrere Lehrstuhlinhaber reagierten auf seine kritischen Rezensionen ihrer Bücher höchst beleidigt und ließen gleich das Arsenal professoraler Vergeltungsmaßnahmen auffahren. Dazu gehört: Die Einladung zum Kongreß wird verweigert. Der Zeitschriftenaufsatz wird abgelehnt. Das Projekt wird abgeblockt. Die Möglichkeiten, unbequeme Geister zu disziplinieren, sind vielfältig und sehr subtil. Deshalb gilt es vorsichtig zu sein. "Man darf sich nicht zu viele Feinde machen", formuliert Eckert. Das ist die Regel Nummer eins für alle, die im großen Spiel Wie werde ich Professor? ans Ziel gelangen wollen.

Die Regel wird immer wichtiger, je überschaubarer das Fachgebiet ist, in dem man eine wissenschaftliche Karriere anstrebt. Andreas Eckert zum Beispiel ist promovierter Historiker und Experte für afrikanische Geschichte. Vier Professuren gibt es für dieses Fach in Deutschland. Die erste wird wohl im Jahre 2002 frei, die nächste 2008 - sollte keine im Zuge von Etatkürzungen gestrichen werden. Etwa zehn deutsche Nachwuchswissenschaftler haben die beiden Stellen schon heute fest im Blick. Sie kennen einander fast alle von Kongressen und gemeinsamen wissenschaftlichen Projekten - und beobachten recht genau, was die Konkurrenten sich einfallen lassen, um ihre Karriere zu befördern.

Man lernt wenig dabei. "Es gibt kaum Kriterien, an denen man sein wissenschaftliches Können messen kann", klagt Eckert. Testvorlesungen oder Prüfungen für Habilitanden fehlen. Andernorts verwendete Qualitätsnachweise spielen im deutschen Hochschulbetrieb kaum eine Rolle. Sogenannte "referierte Zeitschriften", die Aufsätze nur nach einer externen Begutachtung akzeptieren, gibt es gerade in den Geisteswissenschaften kaum. Habilitationen werden nicht bewertet und müssen sich - da kein Veröffentlichungszwang besteht - keinen kritischen Rezensionen stellen. Zwar haben viele Universitäten Versuche unternommen, das Engagement eines Dozenten in Seminaren, Vorlesungen und Sprechstunden zu bewerten. Doch fallen die Leistungen in der Lehre bei der Auswahl eines Professors selten ins Gewicht. Lehrstuhlanwärtern erscheint der Wettkampf um das Amt "als riesige Lotterie". Der 34jährige Eckert hat gute Chancen, ein großes Los zu ziehen. Er ist im Kreis der Konkurrenten einer der Jüngsten, hat bereits viel publiziert, im Ausland studiert und geforscht. Er werde es schon schaffen - sagen andere. Ihn selbst beschleicht oft ein übles Gefühl. "Wir marschieren auf einen Abgrund zu und wissen nicht, ob die goldene Brücke wartet oder der freie Fall."

Am sichersten findet ein junger Gelehrter den Weg, wenn er sich von einem etablierten Ordinarius an die Hand nehmen läßt. Der Professor verhilft seinem Schützling durch wohlwollende Gutachten und altruistische Telefonate mit den richtigen Leuten zu Stipendien und Druckkostenzuschüssen, Zeitschriftenaufsätzen oder Vorträgen. Er unterweist ihn in der Kunst des Antragschreibens an die DFG und lehrt ihn, wer für seine Karriere wichtig ist und wer ihm schaden kann. Dabei gilt als Faustregel: Die Freunde des Professors gehören ab sofort auch zu meinen Freunden. Vor den Feinden meines Protektors sollte ich mich hüten. Denn wer sich den Lehrer nicht hauen traut, haut gerne auf den Schüler. In der scientific community gilt das Gesetz der Sippenhaft.

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Besonders wichtig ist der Mentor bei der Habilitation, der wohl umstrittensten Prüfung im deutschen Universitätssystem. "Nur eine gute Arbeit vorzulegen reicht nicht aus", weiß Andreas Eckert. Genauso bedeutsam ist es, die Kommission, die das Meisterstück bewerten soll, bereits im Vorwege für sich einzunehmen. "Man muß die Gutachter so gut kennen, daß sie die Arbeit gar nicht mehr ablehnen können", formuliert ein Jurahabilitand die Strategie. Um das zu erleichtern, wird der Mentor alles daransetzen, das Gremium mit Sympathisanten zu besetzen und Querschläger fernzuhalten. Viele Hochschullehrer kommen ihrer Patronage ganz vorbildlich nach. Doch wehe dem, der sich dem falschen Mentor angeschlossen hat oder dessen Schutzherr plötzlich stirbt. Im semifeudalen System der deutschen Ordinarienuniversität bedeutet dies den Untergang.

Seit ihr Ordinarius starb, arbeitet Frau Dr. im Autohaus

Die Stuttgarterin Heide Dreier (Name geändert) arbeitete zehn Jahre lang für ihren Professor. Dabei wollte sie eigentlich Lehrerin werden. Doch weil sie an keiner Schule einen Job fand und der Professor ihr eine halbe Stelle anbot, griff sie zu. "Auf sein Zureden" promovierte sie. Später, es wurde gerade ein Assistentenposten frei, kam er wieder auf sie zu. "Ich selbst hätte mir den Job gar nicht zugetraut." Es gab andere Bewerber, jüngere, vielleicht bessere. Doch ihr Professor wollte sie, und so machten er und seine Kollegen die Sache unter sich aus. Dreier begann eine Habilitation, gab Seminare, bewährte sich als zuverlässige Zuarbeiterin ihres Professors - unerwartet starb der eines Tages. Plötzlich war sie ganz allein. Einige Zeit blieb der Lehrstuhl unbesetzt, dann kam ein Nachfolger und brachte seine eigenen Leute mit. Dreier bekam keinen neuen Job, obwohl ihre große Studie, die sie selbst einmal zur Professorin machen sollte, noch nicht vollendet war.

Sie ist es bis heute nicht. 20 Ordner mit historischen Quellen, mehrere Meter Bücher zum Thema stehen noch neben dem Schreibtisch. Eine ständige Mahnung. Auf dem Tisch liegt noch ein Stapel korrigierter Referate aus dem letzten Seminar. Studenten haben sie nicht abgeholt. Wird sie sich noch einmal aufraffen und das Werk beenden? Heide Dreier zögert. "Vielleicht", sagt sie. Dann: "Wohl nicht." Zwei Wochen später ruft sie an. Sie habe wieder angefangen, sich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen. Möglicherweise wird ja doch noch etwas daraus. Vielleicht ein Aufsatz oder ein Vortrag. Vielleicht ein Buch. Egal, für einen Job an der Uni wird es nicht reichen.

Heide Dreier arbeitet heute in einem Autohaus. Sie begrüßt die Kunden, die ein Auto kaufen möchten, und verweist sie an den entsprechenden Verkäufer. Vor kurzem stand plötzlich einer ihrer früheren Studenten vor ihr, um einen neuen Wagen abzuholen. "Dem war das sehr peinlich. Er bekam kein Wort heraus." Gerne wäre Frau Dreier an der Uni geblieben, vielleicht nicht als Professorin, sondern als Dozentin. Ihre Seminare waren beliebt. Dreier war bekannt dafür, daß sie sich Zeit nahm. Noch lange nach ihrem Ausscheiden kamen Studenten zu ihr und fragten um Rat. "Ich war, glaube ich, eine gute Lehrerin." Doch solche Lehrstellen unterhalb einer Professur kennt das deutsche Wissenschaftssystem nicht. Man ist entweder alles - genialer Forscher, einfühlsamer Lehrer, gewandter Wissenschaftsmanager - oder nichts.

Anfangs verschwieg Heide Dreier ihre neue Arbeit an der Uni. Auch im Autohaus wissen bis heute nur einige, daß die Frau am Empfang fast einmal Professorin geworden wäre. Heute kann sie darüber sprechen, auch wenn sie nicht möchte, daß ihr richtiger Name in der Zeitung steht. Heide Dreier will niemandem Vorwürfe machen, zuallerletzt ihrem alten Professor. Er hat es gut mit ihr gemeint, vielleicht zu gut.

Das Schicksal, ohne reale Perspektive an der Uni hängengeblieben zu sein, teilt Dreier mit Habilitanden und noch mehr Promovenden. Rund 60 000 Studenten arbeiten an deutschen Universitäten zur Zeit an ihrer Dissertation. Einen großen Teil der Jungforscher treibt nicht die wissenschaftliche Neugier um, sondern die Angst, nach der Uni ohne Job dazustehen. Viele Professoren heizen die Inflation der Doktortitel an, indem sie ihren Studenten raten, nach Diplom- oder Magisterarbeit doch weiterzumachen. Der Rat ist nicht ganz uneigennützig. Die Nachwuchswissenschaftler zitieren die Werke ihres Meisters, danken ihm im Vorwort oder teilen sich gar die Autorenschaft einer Publikation mit ihm - auch wenn der Ordinarius nur sein Placet zur Forschungsarbeit beiträgt.

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Abhängigkeit verschließt den Mund: der Anglistin, die seit Jahren einen Kleinkrieg mit ihrem Professor führt und für jede Teilnahme an einem wissenschaftlichen Kongreß eine Erlaubnis einholen muß. Dem promovierten Biologen, der vom Professor zum Hiwi degradiert wurde. Der Medizinerin, die so viel unterrichten und untersuchen muß, daß sie zum eigenen Forschen nur noch nach 18 Uhr kommt. Einer der Lieblingssprüche ihres Professors lautet: "Man muß ja nicht in sechs Jahren fertig werden."

Selbst bei offenen Verstößen gegen das Dienstrecht - sicherlich die Ausnahme - schweigen Assistenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter lieber, um ihre Zukunft nicht zu gefährden. Eine politische Interessenvertretung für den akademischen Nachwuchs gibt es nicht. Die Betroffenen vergraben sich in den Büchern, verschanzen sich in ihren Drei-mal-drei-Meter-Büros oder -Laboratorien und hoffen, sich irgendwie durchzuwursteln. Sie schreiben an ihrem nächsten Aufsatz, basteln am Verlängerungsantrag für ihr DFG-Projekt oder warten auf das "Professorenloch". Seit Ende der achtziger Jahre sagen Hochschulmeteorologen einen pensionsbedingten Professorenmangel voraus. Bislang war die Vorhersage falsch.

Die Stimmung unter den wissenschaftlichen Azubis schwankt zwischen darwinistischem Optimismus ("Mögen alle scheitern, ich schaffe es") und blinder Schicksalsergebenheit ("Nur nicht an die Zukunft denken"). Sitzt man aber Hartmut Schiedermair gegenüber, dem Präsidenten des Hochschulverbandes, so bekommt man die Universitätsidylle serviert: Da sprechen Professoren mit "leuchtenden Augen von ihren Schülern", da veranstalten begeisterte Junge Festschriften und Symposien zu Ehren der Alten, die sie einst ins Arkanum der Wissenschaft eingeführt haben. Seit 18 Jahren kämpft Schiedermair als oberster Gewerkschafter der Professoren dafür, daß alles so bleibt, wie es ist. Für den Juristen ist die Habilitation das "Meisterstück" jedes Wissenschaftlers. Sie garantiere, "daß nur die Besten in den Beruf kommen". Ohne das Opus magnum, glaubt Schiedermair, würde ein großer Teil der deutschen Forschung nicht zustande kommen.

Nur wenige Disziplinen wie etwa die Ingenieurswissenschaften verzichten auf das große Werk. In anderen naturwissenschaftlichen Fachbereichen setzt sich eine kumulative Habilitation langsam durch. Statt einen dicken Wälzer vorzulegen, faßt man mehrere Fachaufsätze zum Buch zusammen. Das neue Hochschulrahmengesetz stellt diesen Qualitätsnachweis der Habilitation ausdrücklich gleich. Die meisten deutschen Professoren jedoch denken wie Schiedermair und halten am deutschen Sonderweg zur Professur fest.

Zweifellos tragen viele Habilitationen zum Erkenntnisfortschritt bei. Sechs Jahre lang in Ruhe und im besten Einvernehmen mit seinem Professor an einem Thema zu graben: das kann persönlich befriedigend und wissenschaftlich fruchtbar sein. Einige Gelehrte zehren ein Leben lang vom Wissenskapital, das sie in dieser Zeit angehäuft haben. Doch lassen sich diese Erkenntnisse nicht auch auf anderem Wege gewinnen? Warum kommen andere Länder ohne das deutsche Ritual aus und sind dabei nicht weniger erfolgreich? Wissenschaftler wie Helene Harth halten die Habilitation keineswegs für die Spitzenleistung deutscher Forschung. Warum, fragt sich die Romanistikprofessorin und Prorektorin der Universität Potsdam, veröffentlichen viele Geisteswissenschaftler ihr großes Werk niemals? "Das sagt doch eine Menge über die Qualität der Arbeit aus."

Als Buch eignen sich viele der Arbeiten nicht, sie sind dicke Wälzer und unlesbar. "Deutsche Forscher präsentieren lieber eine Fleißarbeit von 1000 Seiten und doppelt so vielen Fußnoten als ein knappes Buch mit scharfen Thesen", kritisiert die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Lorrain Daston. Um auf Nummer Sicher zu gehen, vermieden viele Habilitanden Originalität und gedankliche Präzision. Eine Untersuchung des Deutschen Archäologenverbandes gibt Daston recht. In einem bei deutschen Wissenschaftlern seltenen Versuch der Selbstprüfung befragten die Altertumsforscher ihre Nachwuchsprofessoren nach dem wissenschaftlichen Wert ihrer Arbeit. Die Mehrzahl der Lehrstuhlanwärter gab an, sie ginge beim Thema ihrer Forschungsarbeit kein Risiko ein, um in der Fakultät keine Ärger zu bekommen. "Das Habilitationssystem ist nicht innovationsförderlich und koppelt sich von den methodischen Entwicklungen in den Nachbarländern ab", urteilt der Archäologenverband. Angesichts solcher Vorsicht verwundert es nicht, daß die Durchfallquoten im Verfahren gering sind. Eine abgelehnte Habil-Schrift ist so selten wie ein deutscher Professor unter 35.

Allein - in Fächern wie Biotechnologie, Informatik oder Ingenieurswissenschaften folgt nicht mehr jeder den Regeln der Unterwerfung. Die Konkurrenz durch die Wirtschaft belebt das Geschäft in der Universität. "Alles, was gut ist, wandert in die Privatwirtschaft ab", klagt Uwe Claussen, Direktor am Institut für Humangenetik und Anthropologie an der Universität Jena. Gerade hat Claussen eine seiner besten Mitarbeiterinnen an eine Softwarefirma verloren, die Programme für Genanalysen entwickelt. Auf diesem Gebiet hatte Ilse Chudoba bereits in Jena geforscht. Sie erfand ein neues Verfahren, um die Feinstrukturen von Chromosomen darzustellen. Bundesweit machte sie mit dieser Neuerung auf sich aufmerksam. Kollegen und Vorgesetzte sagten ihr eine große Uni-Karriere voraus. Dennoch schmiß Ilse Chudoba, die von sich sagt, sie sei Forscherin mit ganzem Herzen, jetzt das Handtuch: zermürbt von den prekären Verhältnissen an der Hochschule, frustriert von dem Gedanken, nach der Habilitation vielleicht "ohne alles dastehen zu müssen". Sie hatte es satt, sich von einem Zeitvertrag zum nächsten zu hangeln. "Wenn man 40 Jahre alt ist und zwei Kinder hat, braucht man irgendwann Sicherheit."

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In Jena hätte sie sich als Professorin nicht bewerben dürfen, weil sogenannte "Hausberu-fungen" in Deutschland verpönt sind. An einer anderen deutschen Universität sah sie für sich keine Chance. Sie ist Biologin, hätte sich für ihr Fachgebiet jedoch bei einer medizinischen Fakultät bewerben müssen. "Das ist wie eine Mafia. Die nehmen nur ihre eigenen Leute." Zudem war keinesfalls sicher, daß Chudoba sich in nächster Zeit hätte habilitieren können. Am Jenaer Institut fiel eine Stelle nach der anderen dem Rotstift zum Opfer. Chudoba mußte immer mehr Hiwi-Arbeiten selbst übernehmen. "Neben der alltäglichen Diagnostik blieb mir kaum noch Zeit für meine Forschung."

Setzen sich an den Universitäten nur diejenigen durch, die außerhalb der Uni keine Chance haben? Gehören zu den akademischen Realtugenden eher Sitzfleisch und Anpassungsbereitschaft als Kreativität und Brillanz? Woran liegt es, daß deutsche Forscher fleißig publizieren, international jedoch kaum wahrgenommen werden, wie der englische Wissenschaftsforscher Robert May kürzlich festgestellt hat? Könnte es sein, daß "wir die lebensbiographisch produktive Phase zwischen Promotion und Habilitation nicht optimal nutzen", wie Hans-Gerhard Husung vom Wissenschaftsrat argwöhnt?

Für ihre Sackgassenkarriere verzichten viele auf Kinder

In seinen jüngsten Empfehlungen zur Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung legt der Wissenschaftsrat dar, wie die "stark ausgeprägte persönliche Abhängigkeit vom Betreuer" sowie die undurchsichtige Vergabe von Stellen und Stipendien gerade für Frauen zum Handicap auf der universitären Karriereleiter werden. Zu Beginn des Studiums sind die Studentinnen noch in der Überzahl. Dann reduziert sich der Frauenanteil in den Fakultäten von einer Stufe zur nächsten. Unter den Doktoranden ist immerhin noch jeder dritte eine Frau. Bei den Habilitanden ist das Verhältnis dann bereits eins zu sieben. Auf der Ebene der Ordinarien sinkt der weibliche Anteil auf unter fünf Prozent. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit schlechter da als Italien und Spanien.

Die Unsicherheit der beruflichen Zukunft wiegt für Wissenschaftlerinnen besonders schwer. Noch dringender als in anderen Berufen stellt sich für sie die Frage: Job oder Kinder? Eine Babypause kann sich eine ambitionierte Jungforscherin nur schwer leisten. Ursula Mättig, stellvertretende Frauenbeauftragte der Universität Bonn: "Wer zwei Jahre draußen ist, hat den Anschluß verpaßt." Auch Heide Dreier vom Autohaus hat die Familienplanung einst ihrer Sackgassenkarriere geopfert. "Als die Zeit da war, ging die Promotion vor."

Der Kandidat wartet auf den Ruf - doch es bleibt still

Renate Pieper wollte den Kompromiß nicht eingehen und hat es doch geschafft. Sie ist heute Mutter von zwei Kindern - und Professorin. Doch hätte Frau Pieper gewußt, welchen Streß und welches Risiko das alles mit sich bringen würde, hätte sie sich wohl anders entschieden. "Es war ein Kamikaze-Unternehmen", das nur durch Improvisation, eiserne Disziplin und Glück zu einem guten Ende fand. Renate Pieper fiel weich auf einen Lehrstuhl im österreichischen Graz - sie hatte sich bereits erkundigt, was man als Sekretärin so verdiene.

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Reinhart Kößler dagegen stürzte ins Leere, besser gesagt: offiziell stürzt er noch immer. Mitte 1993 bewarb sich der habilitierte Soziologe um eine Professur für Internationale Bildungspolitik und Entwicklung am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Uni Frankfurt. Nach einem Jahr - so lange währt ein normales Berufungsverfahren in Deutschland - erhielt er freudige Nachricht: Er sei auf der Kandidatenliste die Nummer eins. Doch das Wissenschaftsministerium in Wiesbaden hatte Einwände. Für einen erziehungswissenschaftlichen Lehrstuhl sollte der Fachbereich doch bitte einen Erziehungswissenschaftler benennen.

Wieder schrieb die Universität die Stelle aus. Wieder wurden Bewerber eingeladen. Wieder landete Kößler auf Platz eins der Berufungsliste. "Jetzt dachte ich, das Verfahren ist durch", erinnert sich der Bochumer Wissenschaftler. Reinhart Kößler orientierte seine ganze berufliche Planung auf die neue Stelle. Unter anderem stellte er für ein Forschungsprojekt, an dem er bis dahin gearbeitet hatte, keinen neuen Förderantrag. Schon meldeten sich erste Studenten, die bei ihm promovieren wollten.

Jetzt mußte nur noch der Ruf ertönen. Kößler wartete - doch es blieb still. Ein halbes Jahr verging. Aus Telefonaten mit der Universität erfuhr er, daß "es im Ministerium erneut Schwierigkeiten gebe". Ein weiteres halbes Jahr verging. Kößler ahnte Böses. Wo hakte es? Gab es politische Vorbehalte? Einen Streit zwischen Universität und Ministerium? Wollte das Ministerium den Lehrstuhl einsparen? Kößler weiß es bis heute nicht. "Die Situation war kafkaesk."

An seiner Qualifikation habe es nicht gelegen. Das habe man ihm versichert. Genützt hat ihm das nichts. Im April 1998 erfuhr er inoffiziell, das Ministerium habe die Vorschlagsliste der Universität endgültig zurückgewiesen. Die Stelle ist seit fünf Jahren unbesetzt. Eine offizielle Absage hat Reinhardt Kößler bis heute nicht erhalten. Er ist 49 Jahre alt.