Im Schnitt verstreichen im deutschen Wissenschaftsbetrieb zwei und mehr Jahre zwischen der Habilitation und der sogenannten Erstberufung. Im Alter von 43 - die produktivsten Jahre hinter sich, die Schläfen schon grau - verfügen die meisten Wissenschaftler erstmals in ihrem Leben über einen festen Arbeitsplatz und ein geregeltes Einkommen. Zuvor leben sie von Stipendien, sitzen auf halben oder gedrittelten Stellen, forschen für ein paar Jahre als sogenannte "Sachbeihilfe" in Projekten oder arbeiten als Assistenten für sechs Jahre an der Seite eines Professors. Wer Riesenglück hat, ergattert nach der Habilitation eine der raren (befristeten) Stellen als Hochschuldozent oder Oberassistent.

Herrn Kolk widerfuhr nur ein kleineres Glück. In Köln und Dresden durfte er einen Professor vertreten, im nächsten Jahr könnte es eventuell noch mal klappen. Eine Vorlesung und drei Hauptseminare gab er in Dresden und bekam dafür 3500 Mark brutto - und obendrauf noch eine Bahncard. Sein Hotelzimmer und die Heimfahrt nach Detmold mußte er allerdings selbst bezahlen. Am Ende blieben ihm monatlich ungefähr 1000 Mark.

Der Kasseler Hochschulforscher Jürgen Enders hat 14 Universitätssysteme verglichen. Heraus kam, daß in keinem der untersuchten Industrieländer die Kluft zwischen den Pro- fessoren und dem wissenschaftlichen Nachwuchs so gewaltig ist wie in Deutschland. Hochschullehrer genießen ein hohes Prestige und einzigartige Privilegien. Unkündbare Beamte, niemandem Rechenschaft schuldig. Ihren Arbeitstag teilen sie sich ein, wie es ihnen paßt, Vorschriften gibt es für sie wenige.

Von der Lehre in die Rente - der Witz wird an der Uni wahr

Abhängig und auf wackligem Posten die Jungen. Ob Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter oder Assistenten - fast alle sind weisungsgebunden und direkt einem Professor unterstellt. Die meisten haben nur einen Zeitvertrag, oft ohne jeden sozialen Schutz. Nirgendwo auf der Welt klafft der Abstand zwischen dem Einkommen des Professors und dem seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter so weit auseinander wie in Deutschland.

Dabei liegt der Großteil der Arbeit an den Universitäten auf den Schultern nichtprofessoraler Wissenschaftler. Zwei Drittel der Lehre und nahezu vier Fünftel der Forschungsaktivitäten werden von ihnen bestritten, ermittelten Hochschulforscher. Ohne die unzähligen Privatdozenten, Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die für ein paar hundert Mark im Semester eher um der Ehre willen Seminare abhalten, wäre die Ausbildungsmaschine Universität längst wegen Überlastung zum Stillstand gekommen.

Zwischen dem akademischen Adel und dem wissenschaftlichen Proletariat gibt es kaum etwas. Der akademische Mittelbau ist eine Bruchbude. In keinem anderen Universitätsbereich riß die Sparwut solche Löcher. Wer heute in der Universität etwas werden will, steht deshalb vor der Alternative: Aufstieg oder Absturz. Hartmut Schiedermair vom Deutschen Hochschulverband hält die Sonderrechte der Professoren für gerechtfertigt: "Professor ist ein Hochrisikoberuf." Was er übersieht: Das Risiko trägt der wissenschaftliche Nachwuchs.