Klagen will Rainer Kolk dennoch nicht. "Ich habe zum Glück meine Frau im Rücken", sagt er. Um andere Kollegen stehe es schlimmer. Die kriegten noch Taschengeld von ihren Eltern. Einige verfielen in Depressionen. Ein paar Jahre der Hoffnung bleiben dem Germanisten Kolk noch. Mit 47 wird es dann richtig schwierig, eine Stelle zu bekommen. Die offizielle Berufungsgrenze liegt meist bei 52 Jahren. Von der Lehre in die Rente. In keiner Institu- tion steckt im Witz vom endlosen deutschen Bildungsweg so viel Wahrheit wie im Ausleseverfahren der Hochschule selbst.

Die Qualität eines Wissenschaftssystems läßt sich nur schwer messen. Zu vage sind die Kriterien, zu unterschiedlich die Disziplinen und Universitäten. Den deutschen Professor gibt es ebensowenig wie die Wissenschaft. Allerdings liegen Indizien vor, die der deutschen Hochschule insgesamt nicht schmeicheln: Ausländische Nachwuchswissenschaftler machen um Deutschland einen großen Bogen. In den USA kommt jeder dritte Doktorand aus einem anderen Land, in Deutschland jeder fünfzehnte. Die Zahl der von Professoren angemeldeten Patente ist klein. Die internationalen Debatten in Philosophie, Geschichte oder Ökonomie werden von deutschen Wissenschaftlern emsig rezipiert, angestoßen werden sie kaum.

Die Kritik an der deutschen Professorenausbildung ist alt und folgenlos. Bereits Max Weber konstatierte 1917, er kenne kaum eine Laufbahn, bei der "der Hasard und nicht die Tüchtigkeit als solche eine so große Rolle spielt". Dabei galt die Nachwuchsrekrutierung als ein Grund für den Erfolg der deutschen Universität des 19. Jahrhunderts. Nach den Humboldtschen Reformen war neben der Promotion die Habilitation eingeführt worden: als zusätzliche Hürde auf dem Weg in den Professorenstand. Man wollte die Flut von mäßig talentierten Doktoren eindämmen, die alle in die Lehre drängten, und man wollte den etablierten Professoren das Hörgeld abspenstig machten. Zu Schiedsrichtern über die Eignung eines jungen Mannes machten sich die Professoren selbst.

Die Neuerung setzte ein ungeheures wissenschaftliches Potential frei. Wer in der Uni etwas werden wollte, mußte forschen. Der Preis für den Fortschritt aber war auch damals schon die wirtschaftliche Unsicherheit, denn ein Einkommen bezogen die Jungforscher nicht. Deshalb bezweifelte Max Weber, ob man jungen Gelehrten guten Gewissens den Rat geben dürfe, Professor zu werden.

Dieses Modell existiert in seinen Grundzügen bis heute, wobei aus dem frei schwebenden Habilitanden später der bezahlte Assistent auf Zeit wurde. Solange die Zahl der Lehrstuhlanwärter klein blieb und die Universitätslandschaft expandierte, funktionierte das Modell auch. Die Nachwuchsgelehrten waren erst um die Dreißig. Scheiterten sie, fanden sie ihr Auskommen außerhalb der Universität, meist in der Schule. Heute haben sich die Vorzeichen umgekehrt: Die Anwärter sind zehn Jahre älter, knappe Kassen zwingen zu Personalkürzungen, gleichzeitig produziert die Massenuniversität durch Stipendien, Förderprogramme, Drittmittel massenhaft akademischen Nachwuchs.

An Vorschlägen, das System zu reformieren, herrscht kein Mangel. Fast alle orientieren sich an den angelsächsischen Hochschulmodellen, wo die Junggelehrten eine strukturierte Laufbahn absolvieren - ähnlich wie in jedem Unternehmen (siehe Seite 19: "Noten für die Vorlesung"). Bislang jedoch liefen alle Reformanläufe - von der Assistentenbewegung der 68er bis zum neuen Hochschulrahmengesetz - ins Leere. Sie scheiterten am politischen Streit zwischen Bund und Ländern und am Widerstand der organisierten Professorenschaft. Die Hochschullehrer wollten ihre privilegierten Positionen nicht aufgeben und die Habilitation als Mauer zwischen sich und den Nachfolgern gefestigt wissen. Den Ordinarien nützt es, daß diejenigen, die es geschafft haben, auf die andere Seite der Mauer zu gelangen, nur noch wenig Wut auf das System verspüren.

Professoren sind Platzhirsche, die ihr Revier verteidigen