Auf der Mitgliederversammlung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft ging es Mitte dieser Woche hoch her - jedenfalls hinter den Kulissen. Für Aufregung sorgte ein brisantes Papier. Danach muß der sogenannte Rechnungszins zur Jahrtausendwende von zur Zeit 4 auf 3,5 oder sogar auf 3 Prozent abgesenkt werden. Folge: Die neuen Kunden vertraglich zugesicherten Garantien dürften ab dem 1. Januar 2000 um einen Prozentpunkt schrumpfen.

Dies ist nur auf den ersten Blick wenig aufregend. Schließlich setzt sich die Leistung einer Kapitallebensversicherung oder einer privaten Rentenversicherung aus der garantierten Summe plus den vom Versicherer erwirtschafteten Gewinnanteilen zusammen. Für den Kunden ist also vor allem die Gesamtverzinsung seines Spargeldes interessant. Wer sich indes klarmacht, daß der garantierte Rechnungszins nicht ohne Not abgesenkt wird, erkennt schnell, daß die Gewinnanteile der Gesellschaften über kurz oder lang ebenfalls magerer werden müssen. Die Prognose, wonach die in den vergangenen Jahren übliche Gesamtrendite einer durchschnittlichen Lebensversicherung von etwa sieben Prozent auf sechs Prozent oder gar weniger nach unten korrigiert werden muß, ist daher nach brancheninternen Schätzungen durchaus realistisch. Tatsache ist: Weil Lebensversicherer die Gelder ihrer Kunden überwiegend in festverzinslichen Wertpapieren anlegen, verdienen sie zur Zeit am Kapitalmarkt viel weniger, als sie ihren Kunden heute noch auszahlen. Daß dies auf Dauer nicht so weitergehen kann, liegt auf der Hand.

Vor allem in den vergangenen Hochzinsphasen konnten die Versicherer ansehnliche Gewinne erwirtschaften. Diese goldenen Zeiten sind jedoch vorbei. Seit vier Jahren befindet sich die Umlaufrendite - sie mißt die durchschnittliche Rendite öffentlicher Anleihen - auf Talfahrt. Anleger müssen sich mit mageren Erträgen von derzeit weniger als vier Prozent zufriedengeben. Viele Lebensversicherer zehren daher von ihren Polstern aus besseren Zeiten. Je länger das Zinstal andauert, desto schneller sind diese Reserven aufgebraucht.

Im Vergleich zur Aktienlage ist die Lebensversicherung immer noch ein sicherer Hort für den Spargroschen des Kunden. So berechenbar, wie die Assekuranzunternehmer aber immer wieder verkünden, sind ihre Policen nicht. "Lebensversicherer können mit ihren Reserven Marktschwankungen glätten", erläutert Eckart von Uckermann, Vorstandsvorsitzender der Hannoverschen Lebensversicherung, und fügt hinzu: "Markttendenzen können sie sich jedoch nicht entziehen." Johannes Booms, Vorstandsmitglied der Aachener und Münchener Lebensversicherung, bietet seiner Kundschaft 1998 noch eine Verzinsung von 7,25 Prozent an und will die Gewinnbeteiligung vorerst auf dem heutigen Niveau belassen. "Doch wie die Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht." Die Lebensversicherung werde aber auch unter Renditegesichtspunkten attraktiv bleiben.

Mit solchen Unwägbarkeiten halten einige seiner Kollegen gern hinterm Berge. Ein ebenso offenes wie skandalöses Geheimnis ist, daß Versicherer ihren Kunden aus Wettbewerbsgründen heute in ihren Beispielrechnungen mehr vorrechnen, als sie in Zukunft werden halten können. Daß sich der zukünftige Auszahlungsbetrag deutlich von der Summe unterscheiden wird, die der Versicherungsvertreter beim Vertragsabschluß erläutert hat, werden sie ihren Kunden anschließend diskret per Brief mitteilen. Schon für 1997 mußten einige Versicherer ihre Gewinnbeteiligungen kürzen. Nicht wenige haben in jüngster Vergangenheit verstärkt stille Reserven realisiert, also beispielsweise Aktien verkauft, um ihre bisher gewohnten Zinserträge halten zu können. Bekannt ist daher, daß Unternehmen von ihrer bewährten Praxis abgewichen sind, Geld nur an Schuldner mit bester Bonität zu verleihen. Als sich heute fast wertlose russische Staatsanleihen mit einer Jahresverzinsung von teilweise über 15 Prozent boten, haben mehrere Geldanleger der Branche allen Risiken zum Trotz zugegriffen. Die Aussicht, allzu magere Erträge damit aufbessern zu können, ließ die ansonsten eher vorsichtigen Manager offenbar zu leichtsinnig werden.

Andreas Freiling von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC Deutsche Revision aus Frankfurt hält die deutschen Lebensversicherer dennoch unverändert für sehr gute Geldanleger. "Versicherungsaufsichtsrecht und internes Risikomanagement gewährleisten in der Regel ein angemessenes Risiko-Rendite-Verhältnis in den Kapitalanlagen." Streiten könne man sich aber darüber, ob es noch zeitgemäß sei, wie Lebensversicherer ihre Bilanzen erstellten. Bewertungsspielräume würden dazu führen, "daß die im Kapitalanlagebestand enthaltenen Marktpreisrisiken nicht adäquat abgebildet werden". Spätestens im Zuge einer internationalen Angleichung der Rechnungslegungsvorschriften sei dies jedoch nicht mehr möglich.

Solide Anbieter geben ihrer Kundschaft dagegen realistische Versprechen. Daß dies sogar Schule machen kann, hat der schottische Lebensversicherer Standard Life gezeigt. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat das Edinburgher Unternehmen mit der Bestnote "AAA" ausgezeichnet, obwohl die Schotten ihre Gewinnbeteiligung im vergangenen Jahr abgesenkt haben. In den Erläuterungen zur Bewertung wird diese Maßnahme als besonders verantwortungsvoll erwähnt. Wer demnächst eine Lebensversicherung abschließen will, sollte vor allem dann vorsichtig sein, wenn die in Frage kommende Gesellschaft für die Zukunft eine Rendite von sieben Prozent und mehr verspricht. Aus heutiger Sicht müssen die zukünftigen Leistungen jedoch unter denen der vergangenen Jahre liegen. Besondere Skepsis ist angebracht, wenn der Versicherer seine bisherigen Leistungen gar noch übertreffen will. Gut beraten ist daher, wer sich vor Vertragsabschluß nicht nur die voraussichtliche Entwicklung seiner Police vorrechnen läßt, sondern die Gesellschaft gleichzeitig um die Erläuterung vergleichbarer Vergangenheitswerte bittet.