Gefährdet wird diese Gesellschaft nicht mehr durch soziale Konflikte alten Stils, sondern durch das funktionslose Wuchern der organisierten Interessen ... Denn wenn diese Demokratie sich ruiniert, dann durch ihre eigene Willensschwäche - kein Gegner weit und breit."

Sätze wie diese lesen sich wie eine Diagnose der Gegenwart. Sie stammen aus einem der bekanntesten politischen Essays der alten Bundesrepublik. Die Formierte Gesellschaft, geschrieben von Rüdiger Altmann im Jahre 1965, hat damals die einen, die eher liberalen und linken Gemüter, erregt und die anderen, allen voran die CDU und der Kanzler Ludwig Erhard, dessen Berater Altmann eine Zeitlang war, nicht wirklich zum Nachdenken gebracht.

Die einen witterten in der Formierten Gesellschaft die autoritäre Versuchung der Deutschen, eine gewollte Disziplinierung der pluralistischen Gesellschaft, und das just bevor sie aufzubrechen begann in die 68er Jahre. Die anderen konnten nicht erkennen, daß Rüdiger Altmann damals schon, künftige Stürme und Beben vorausahnend wie ein Gewittervogel, die gesellschaftlichen und politischen Fragen unserer Zeit vorweganalysierte: Wie sind Veränderung und Zusammenhalt der Gesellschaft noch möglich in einer Zeit des "legalisierten", das heißt des zementierten Pluralismus organisierter Interessen? Aus jener Zeit (1967) stammt auch der einflußreiche Essay Späte Nachricht vom Staat, von einem Staat, der immer mehr macht und immer weniger kann: "Dieser entkernte Staat überlagert mit seinem Apparat immer weitere Bereiche der Gesellschaft. Er gleicht einem kastrierten Kater, der an Umfang zunimmt - was ihm fehlt, ist die Potenz."

Liest man heute die zwanzig hier versammelten Essays aus drei Jahrzehnten (1964-1995) wieder, dann treten die alten Mißverständnisse, hier werde umstandslos ein "starker Staat" gepredigt und der offenen Gesellschaft der Kampf angesagt, in den Hintergrund, und um so deutlicher gewinnen die Konturen künftiger Probleme und Perspektiven an Tiefenschärfe, in einer wuchtigen, kraftvollen Sprache, analytisch präziser, politisch aktueller, aber auch visionärer als vieles, was man heute so liest.

Ohne Sentiments nimmt Rüdiger Altmann Abschied vom Staat. Er reflektiert über die "politische und gesellschaftliche Schwäche der Deutschen", beschreibt die "Entkräftung der Demokratie durch den Parteienstaat" und fragt - im Jahre 1992 - nach dem "neuen Horizont" des vereinigten Deutschland, überhaupt nach zukunftsfähigen Bildern der Politik. Diesen "neuen Horizont" deutscher Politik sieht er in ihrem Beitrag zu einem Europa, das mehr ist als ein Kompromiß nationaler Interessen: "Ein vereinigtes Europa legitimiert sich erst durch seinen Beitrag zur Vereinigung der Weltzivilisation. Das sollten die Deutschen am Ende dieses Jahrhunderts am besten wissen."

Man mag an diesen Essays, natürlich, manches kritisieren: daß die fortschreitende Modernisierung, Pluralisierung und Individualisierung zu einseitig in der Perspektive des Verfalls interpretiert wird; daß hier ausgerechnet ein Konservativer den Abschied von der Nation ("In Deutschland ist die Nation gewiß kein Maßanzug der Gesellschaft mehr") und den Abschied vom Staat kalt zelebriert, ohne genau genug zu fragen, was denn an ihre Stelle treten solle; daß seine Sprachbilder manchmal, in der Tradition Carl Schmitts, von einer unheimlichen politischen Eschatologie aufgeladen sind, so wenn er von dem "großen Feuer" der Bürger- und Weltkriege spricht, aus dem die moderne deutsche Gesellschaft entstanden sei.

Doch Einwände wie diese reichen nicht wirklich an die nachhaltige Bedeutung dieser Essays heran. Hier schreibt ein Konservativer, wie es unter den Jüngeren keinen mehr gibt. Altmanns ideenpolitische Vorlagen kommen aus der Tiefe des altbundesrepublikanischen Raums, aber sie passen genau in diese Zeit des Übergangs. Wer wird sie aufnehmen und etwas daraus machen?