Es gibt Almanache, die eine ganze Kindheit oder Jugend begleiten. Die Abbildungen darin erlauben den Einstieg; zunächst begreift das Kind nur die Bilder, später auch die Texte, und diese mit den Jahren immer besser. In diesem Sinne könnte in Zukunft Das visuelle Lexikon der Naturwissenschaften dienen.

Die vielen bunten Bilder aus Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Geo- und Astrowissenschaften, Elektro- und Computertechnik und Mathematik bieten vor allem eines: Anschauung. Erfreulicherweise steht das Experiment im Vordergrund. Der Leser kann klassische Experimente bestaunen, in Erlenmeyerkolben und Drehkondensatoren und Oszillographen und was nicht allem schwelgen. Besonders die Chemie macht Freude: Etliche chemische Reaktionen ergeben sichtbar veränderte Stoffe, sie eignen sich also bestens für ein visuelles Lexikon. Allenfalls Knallen, Zischen und Gestank fehlen.

Wissen wird präsentiert, das wirklich elementar ist und zur Allgemeinbildung gehört, oder sagen wir: gehören sollte. Nur hier und da klafft eine traurige Lücke (Thermodynamik). Eltern erfahren endlich, wo sich nach neuerer Theorie die Elektronen des Atoms aufhalten, und außerdem, daß Oxidation heutzutage nicht viel mit Sauerstoff zu tun hat, vielmehr Abgabe von Elektronen bedeutet. Das Buch gibt sich überdies erstaunlich aktuell, etwa in Geo- und Astrophysik.

Nur eben - es ist ein Bilderbuch, kein Buch der Texte. Noch dazu ein Schwergewicht, in dem das Plastische gefeiert wird, also das Statische. Die Prozesse, die Abläufe treten dahinter allzusehr zurück, und das erscheint als gravierender Mangel des Lexikons. Der Laser zum Beispiel ist miserabel erklärt, kein Wunder, denn hier ist der Prozeß das Entscheidende, wie so oft. Ein weiterer Nachteil: Physik, Chemie und Technik kommen ohne Formeln aus, und das erweist sich nicht als leserfreundlich, - wie man denken könnte - sondern als leserfeindlich. Zum einen nämlich ist manche Formel so einfach und anschaulich, daß sie das Verständnis erleichtert, zum anderen kommen im Schulunterricht nun einmal unausgesetzt Formeln vor.

Ärgerlich bleibt der mathematische Teil. Mathematik ohne Analysis, das ist wie Physik ohne Mechanik. Dafür gibt der Rezensent eine Fünf. Und wieso sind die irrationalen Zahlen so hoffnungslos unzureichend erklärt und die imaginären Zahlen überhaupt nicht - obwohl sie doch an einer anderen Stelle wie selbstverständlich auftauchen?

Doch, trotz mancher Einwände: Alles in allem ist das Buch ein toller Schmöker. Noch dazu einer, der durchaus nützlich sein kann, denn er erinnert Schüler und Erwachsene an das, was plastisch war im Unterricht. Ein Lexikon ersetzt er nicht, empfiehlt sich aber als lohnende Ergänzung.

Das visuelle Lexikon