Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in seiner Regierungserklärung als Strategie für die geplante Rentenreform einen "zukunftsfähigen Versicherungspakt" skizziert, der neben der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung ganz stark auf kapitalgedeckte Vorsorge setzt. Diese Strategie ist im Grundsatz richtig, aber auf diesem Weg liegen auch viele Steine - er ist kein einfacher Königsweg.

Wir leben nicht in einer sicheren Welt und auch nicht in einer Welt, in der Risiken in bezug auf ihre Größe und Gestalt genau bekannt sind. Solche Risiken stellen für Versicherungen kein Problem dar. Wir leben jedoch in einer Welt voller Gefahren. Auch Altersvorsorge (die auch die besonders schwer kalkulierbare Gefahr der Frühinvalidität einschließt) muß deswegen flexibel auf Veränderungen reagieren können. Sie darf auch nicht auf perfekte Märkte setzen. Die Umlagefinanzierung ist ein solches flexibles System, bei dem die Erwerbstätigen durch ihre Beiträge die Renten der Ruhestandsgeneration finanzieren ("pay-as-you-go").

Aber aufgrund einer ungünstigen Entwicklung der Altersstruktur wird heute vielfach erwartet, daß - um die Beitragsbelastung der Erwerbstätigen in Grenzen zu halten -, künftig die Renten derart gesenkt werden, daß die Kapitalverzinsung privater Vorsorge höher sein wird als die durchschnittliche "Rendite" der gesetzlichen Rentenversicherung. Deswegen wird vielfach ein Umstieg auf "Kapitaldeckung" gefordert.

Man darf aber die "rohe" Kapitalverzinsung nicht mit der Rendite einer Rentenversicherung vergleichen, da eine Versicherung spezifische Kosten hat. Für private, das heißt kapitalgedeckte, Rentenversicherungsverträge liegen freilich bislang keine Renditeberechnungen vor; Versicherungen werben auch nicht mit einer erwarteten Rendite.

Die Bedeutung von Gefahren und Flexibilität wird auch am Verhalten der privaten Rentenversicherer in Deutschland deutlich: Als Anfang der neunziger Jahre offenkundig wurde, daß diese mit zu niedrigen Lebenserwartungen kalkuliert hatten, hätte es in der Logik des Kapitaldeckungsverfahrens gelegen, die jeweiligen Renten entsprechend zu kürzen. Die Folge: Das private Altersruhegeld wäre deutlich niedriger ausgefallen als den Versicherten ursprünglich versprochen. Das aber wollten die Privaten verständlicherweise vermeiden. Deshalb wandten sie sich an das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. Dieses erlaubte ihnen, die Kosten der unvorhergesehen gestiegenen Lebenserwartung auf jüngere Versicherte "umzulegen".

Eine Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bei deutschen Versicherungsgesellschaften, die private Renten anbieten, hat ergeben, daß nur etwa ein Sechstel eine "einzelvertragliche Finanzierung" vornimmt, das heißt darauf verzichtet, eine teilweise oder vollständige Umlage der nicht einkalkulierten Kosten vorzunehmen. Über 40 Prozent der Versicherungsgesellschaften setzen zur Finanzierung der erhöhten Deckungsrückstellungen für Rentner ausschließlich Umlagefinanzierung ein, indem sie Mittel des ganzen "Rentenversicherungskollektivs" und/oder des "Altbestandes" heranziehen.

Weitverbreitet aber gleichwohl falsch ist zudem die Vorstellung, das Kapitaldeckungsverfahren sei immun gegen Veränderungen der Bevölkerungs- und Erwerbstätigenstruktur. Denn schrumpft die Bevölkerung, vermindert sich nicht allein die Zahl derjenigen, die Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung zahlen. Vielmehr verringert sich ebenso die Zahl derjenigen, die Geld anlegen für ihre Altersvorsorge, während die Zahl derjenigen, die ihre Ersparnisse auflösen, in Relation dazu steigt. Die logische Folge: Die Rendite für das eingesetzte Kapital sinkt. Als Ausweg empfehlen die Anhänger der kapitalgedeckten Altersvorsorge deshalb den Kapitalexport, der später als Alterseinkommen repatriiert wird. Freilich ist zu bedenken, daß viele der Volkswirtschaften, in denen Kapital heute sicher und wachstumsträchtig angelegt werden kann, ebenfalls mit der Alterung der Bevölkerung zu kämpfen haben. Insofern ist es höchst fraglich, ob solcher Kapitalexport tatsächlich einen Ausweg aus dem genannten Dilemma bietet.