Man muß Hoffnung haben", sagt die alte Frau nach einem Gottesdienst in strömendem Regen, während der Franziskanerpater Osmar Pedro Müller seine durchnäßte Soutane auswringt. So geschehen in der Osterwoche 1985 in Posolera, einem Dorf im Norden Nicaraguas. Zu dieser Zeit herrscht Krieg im Land, die Lebensmittel sind knapp, die Kleidung der Campesinos zerfetzt, Häuser gibt es keine. Die Leute schlafen mit ihren 200 Kindern in Erdlöchern, vom Regen aufgeweicht, mit Bananenblättern notdürftig zugedeckt. Das Trinkwasser von Pestiziden verseucht, kein Platz, um die Notdurft zu verrichten, Hunde und Schweine fressen die Exkremente.

Und doch "muß man Hoffnung haben"? Wir bauen unter großen Mühen "das Dorf", und die Menschen in Europa spenden, so daß es ein richtiges Dorf wird mit Häusern, einer Schule, einer Wasserleitung, sogar einer Kirche. Und die Spender schicken kleine ermutigende Botschaften. Einer schreibt mir: "Für deine Neger im Dorf."

Also, wo liegt es denn nun wirklich, dieses verflixte Nicaragua, wo eine barfüßige Revolution einen scheußlichen Diktator namens Somoza zum Teufel gejagt hat? Es hat nichts mit jenen Wasserfällen zu tun, wohin frischgetraute Paare ihre Hochzeitsreise unternehmen, auch nichts mit einem ähnlich lautenden Land in Westafrika. Nicaragua, ein kleines Dreieck, in der Mitte der Welt verloren, liegt auf der schmalen Landbrücke, die Nord- mit Südamerika verbindet, Klappstulle sozusagen zwischen Honduras und Costa Rica. Die Welt ist klein geworden durch unsere modernen Kommunikationssysteme, und doch wissen wir nicht, wie es anderswo aussieht, können es uns nicht vorstellen.

Wenn die allergrößte Not und der Krieg endlich aufhören, verschwindet so ein armes Land aus den Schlagzeilen, und wir vergessen es ganz schnell und wenden uns wieder unseren eigenen Wehwehchen zu. Die Revolution ist nicht so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben? Wir sind beleidigt.

Erst wenn dann, wie jetzt, der Wirbelsturm Mitch über das Land und seine Menschen hinwegbraust und eine unvorstellbare Spur von Tod und Zerstörung hinterläßt, schauen wir wieder irritiert über den eigenen Tellerrand, für einen flüchtigen Augenblick, bis dann in einer anderen Ecke unserer Welt eine neue Katastrophe über andere Menschen hereinbricht.

Muß man da immer noch Hoffnung haben? Was bleibt den vier Millionen Nicas anderes übrig? In ihrem Land, dreieinhalbmal so groß wie Österreich, mit 34 Prozent Analphabeten und einer Bevölkerung, die zur Hälfte bettelarm ist.

Sie haben Hoffnung, weil sie gottergebene Heiden sind, gläubig der Madonna ergeben, der Heiligen Jungfrau, wild wie Raubkatzen und sanft wie Lämmer, Mystiker und Realisten zugleich, mit einem Wort, ganz und gar "verrückte" Menschenkinder, die die Amerikaner aus dem Norden respektlos Gringos nennen und die für ihr Leben gern Baseball spielen.