Als dem Knaben Olivier Messiaen (1908-1992) die Partitur von Debussys Oper Pelléas et Mélisande geschenkt wurde, lag sie "wie eine Bombe in den Händen eines Kindes". Messiaen machte sich keine Mühe, sie zu entschärfen; sein urmusikalisches Timbre leugnete er nicht. Allenfalls sprengte ihn die Bombe zu sich selbst auf. Indes reiste er - wenn auch manchmal nur in Gedanken oder Bibliotheken - durch die Welt, fand indische oder griechische Rhythmen, lauschte fernen Vögeln. Er war ein Theologe, der in höllische Abgründe starrte und sich neue Himmel malte. Sein katholisches Timbre war nicht minder flammend.

Als 20jähriger legte Messiaen seinen ersten bedeutenden Zyklus vor, die Acht Préludes für Klavier. Er scheute sich nicht, über ihnen Debussys Hand spüren zu lassen; die Titel sprechen eine beredte Sprache (Die Taube, Reflexion im Wind). Zugleich zielen sie bereits ins Abstrakte (Untergegangene Momente).

Doch ist der Musik eine lakonische Ironie im Sinne Eric Saties denkbar fern. Wärmesuchend schmiegen sich Olivier Messiaens Préludes in jene sonorité, die auch Claude Debussys Werke einfordern, damit sie nicht impressionistisch zerklirren oder vernebeln.

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt hat den Préludes nun weitere Spiegel auf die Musikgeschichte poliert (Hyperion 67 054, Vertrieb: Koch International). In Glocken der Angst und Tränen des Abschieds verweist sie zurück auf Ravel und die Friedhofsstarre in Gaspard de la nuit; sie macht bewußt, daß hier auch Liszts Spätwerk seine Schatten wirft. Andererseits findet sie in Messiaens farbiger Innigkeit das Persönliche seiner Musik. Die Préludes läßt sie in jedem Takt wie von einem fernen Echo widerhallen: vom Rieseln des Wassers. Zum heiligen Rauschen des Weihwassers sollte es nicht mehr weit sein.

In drei Sätzen aus dem riesenhaften Klavierwerk 20 Blicke auf das Jesuskind von 1945 ist die Etappe überbrückt. Hier hat Messiaen (dessen gläubig komponierendes Leben einer einzigen Himmelfahrt gleichkam, weswegen er auch die räumlich entrückte Orgel so liebte) jenes wundersame Fernrohr vor Augen, durch das er privateste Betrachtungen anstellen konnte, ohne sich Sorgen um seine Naivität machen zu müssen. Hewitt, virtuos und sehr genau, tut das einzig Richtige: Sie läßt die Musik leise bei sich sein.

Zur Reinigung der Gedanken dienen die beiden schier zürnenden Stücke Feuerinsel. Hier braucht's nicht Palette, sondern Pranke. Angela Hewitt hat sie - die Bombe in den Fingern darf explodieren.