die zeit: Herr Professor Kleinknecht, in Deutschland schwärmen alle Parteien vom "Modell Holland". Auch das Bündnis für Arbeit, das Gerhard Schröder anstrebt, orientiert sich an diesem Vorbild und soll mehr Jobs im Tausch gegen Lohnverzicht schaffen. Da kommen Sie und warnen: Der vermeintliche Ausweg ist eine Sackgasse?

Alfred Kleinknecht: Ja. Denn das Beispiel Holland zeigt: Eine Politik der Lohnmäßigung bremst die technologische Dynamik und untergräbt die Wettbewerbsfähigkeit. Das läßt sich nachweisen. Seit 1982 sind hier die Löhne jedes Jahr ein paar Prozentpunkte weniger gestiegen als bei den europäischen Konkurrenten - und bereits seit Mitte der achtziger Jahre verzeichnen alle Indikatoren, mit denen wir heute Innovation messen, einen schwachen Trend. So hat sich in Holland das jährliche Wachstum der Arbeitsproduktivität halbiert; seit 1985 liegt der Wert nur noch bei der Hälfte des europäischen Durchschnitts. Auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung rutschen seither in niederländischen Unternehmen deutlich unter den Mittelwert der EU. Die Folgen lassen sich in Analysen zur Markteinführung neuer, innovativer Produkte ablesen - da hinkt Holland im internationalen Vergleich einfach hinterher. Auf Dauer kostet so eine Politik Jobs.

zeit: Also Löhne rauf, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern? Ihr Rat widerspricht radikal der Logik, die auch in Deutschland die wirtschaftspolitische Debatte prägt. Da heißt es: Weniger Lohn schafft mehr Arbeit.

Kleinknecht: Kurzfristig gilt das natürlich, genau das haben die Niederländer ja gemacht. Heute liegt Hollands Lohnniveau rund 20 Prozent unter dem deutschen. Deshalb hat das Land ja auch so einen enormen Exportüberschuß, das war eine Art beggar my neighbour-Politik mit Hilfe einer realen Abwertung des Gulden.

zeit: Im Ergebnis ist Hollands Arbeitslosenquote halb so hoch wie die deutsche. Warum sollten die Deutschen das nicht kopieren wollen?

Kleinknecht: Die holländische Statistik versteckt viele Arbeitslose. Und gemessen an der Erwerbsquote liegen beide Länder nah beieinander. Ihren großen Sprung nach vorn haben die Niederlande vor allem durch Arbeitszeitverkürzung und Teilzeitarbeit geschafft - das ist etwas, wo die Deutschen von Holland lernen sollten. Würden aber die Deutschen einfach die Lohnmäßigung kopieren, dann hätte das fatale Folgen. Deutschland ist doch viel größer als die Niederlande - wenn da die Löhne stagnieren, bremst das in ganz Europa die Nachfrage. Das würde in der EU insgesamt die Investitionen drücken und Arbeitsplätze vernichten. Und schon heute hat die Bundesrepublik einen enormen Exportüberschuß - der kann, ohne Schaden für die Arbeitsplätze der Nachbarn, kaum noch steigen.

zeit: Das bedeutet, frei nach Keynes und Lafontaine: Autos kaufen keine Autos?