Weil Wilhelm Dichter überlebte, schrieb er ein Buch über den Tod: Den Tod, dem er durch Zufall (oder durch ein Wunder?) entging, obwohl er ihn seit seinem fünften Lebensjahre umlauerte. Als die Sowjetunion sich Ostpolen 1939 einverleibte, lebte der Tod im Polizeigebäude seines galizischen Heimatortes Boryslaw auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als die deutsche Besatzung 1941 begann, zog er in Hof und Keller des eigenen Hauses ein. "Seit damals sah ich ihn überall."

Der Tod hatte viele Gesichter, und viele Wege der Juden endeten im Tod. Die Großmutter kam im Konzentrationslager Belzec um, weil ein polnischer Nachbar ihr Versteck an die SS verraten hatte. Der nicht einmal einjährige Cousin, obwohl bei polnischen "Eltern" untergebracht, wurde von einem Deutschen erschlagen, weil auch er denunziert worden war. Der Großvater endete nach der Auflösung des Ghettos von Boryslaw in den Steinbrüchen von Flossenbürg, der Vater beging Selbstmord auf dem Dachboden eines Hauses, in dem sich die Familie versteckt hielt - und er, der sechs- bis neunjährige Junge mit den stark semitischen Zügen, trug ständig einen Beutel mit Morphium um den Hals, um im Notfall selbst Schluß zu machen. Dabei wollte er nichts sehnlicher als leben. "Mach, daß ich lebe", betet er zu Gott, "und wenn nicht, dann mach, daß es nicht weh tut."

Wie Roman Frister und Louis Begley hat auch Wilhelm Dichter seine Erinnerungen erst 50 Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben. Wie Frister und Begley lebt auch er, ein polnischer Jude, schon seit Jahrzehnten nicht mehr in der Heimat - Frister wanderte nach Israel aus, Begley und Dichter entschieden sich für die Vereinigten Staaten. Was alle drei eint, ist eine in der Distanz gewonnene Souveränität, die sie in dem komplizierten deutsch-polnischjüdischem Verhältnis nicht pädagogisch vorgehen, sondern ganz auf die eigenen Gefühlen und eigenen Erfahrungen zurückgreifen läßt. In diesen authentischen Erfahrungen ist auch Platz für die dunklen Seiten im jüdisch-jüdischen und jüdischpolnischen Verhältnis.

Der Junge, der für niemanden ein Herz hatte

Dichter hat für seine Darstellung eine ungewöhnliche Perspektive gewählt. Er schlüpft in die Rolle des jungen Wilhelm aus jener Zeit, übernimmt dessen Blick, dessen Gefühle, fügt von anderen Zeugen nur hinzu, was sein eigenes inneres Bild von der Kindheit anreichert - enthält sich jedoch jeden Kommentars, jeder nachträglichen Interpretation, eines jeden Versuchs zur Erklärung.

Beispielsweise, so erzählte er in einem Interview mit der polnischen Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny, habe er sich nicht mehr daran erinnern können, welche Person in einer bestimmten Situation ins Zimmer gekommen sei. Im Gedächtnis seien nur die roten Schuhe und sein Gefühl geblieben: "Angst? Freude? ... Weil ich mich nur an die Schuhe und die Angst erinnerte, und daß es 1942 gewesen sein mußte, fragte ich meine Mutter, ob sie sich erinnert, wer rote Schuhe besaß. Die Tante hatte rote Schuhe. Warum? Weil sie den Kosackentanz in der Schule übte." Aus dem Mosaik unendlich vieler Eindrücke entsteht so ein immer dichteres Bild seines allernächsten Umfeldes zwischen 1939 und 1947, auch wenn es nicht durch einen fortlaufenden Erzählstrang zusammengehalten wird.

Die Verfolgung unter der NS-Okkupation löst bei dem damals sechs- bis neunjährigen Wilhelm eine existentielle Angst aus. Ständig müssen Mutter und Sohn das Versteck wechseln, in kleinen Wohnungen bleibt für ihn nur Platz unter dem Bett, bei Besuch von Fremden darf er sich nicht rühren, nicht husten oder räuspern. Der Junge kappt den Kontakt zur Umwelt, die ihm verschlossen bleibt. Er entflieht aus der realen in die fiktive Welt, in eine vor allem durch Bildbände genährte Phantasie - denn er kann noch nicht einmal lesen. Er wird mißtrauisch, einsam, selbst vor der Mutter zieht er sich zurück. "Er liebt niemanden", sagt sie. Und: "Er hat für niemanden ein Herz."