Die Angehörigen der 229 Opfer des Absturzes der Swissair MD-11 vom 3. September gehören zu den ersten, deren finanzielle Ansprüche nach neuen Entschädigungsregeln im Luftverkehr geregelt werden. New Yorker Anwälte schätzen die fälligen Haftungsleistungen auf bis zu 800 Millionen Dollar. Für jeden ums Leben gekommenen Amerikaner würden demnach durchschnittlich rund 3 Millionen Dollar gezahlt, und auch die Hinterbliebenen aller anderen Passagiere würden in ähnlicher Größenordnung bedacht werden.

Das sind für einen Unfall, bei dem der Fluggesellschaft bislang keine Schuld nachgewiesen werden kann, völlig neue Größenordungen. Bisher galt allgemein das Warschauer Abkommen in seiner Fassung von 1963, das für Opfer von Flugzeugabstürzen oder deren Hinterbliebene eine mittlerweile lächerlich geringe Höchstentschädigung von 53 500 Mark vorsah. Immerhin gab es auch außergerichtliche Vergleiche mit höheren Summen. So erhielten Angehörige der Opfer des Birgenair-Absturzes vom Februar 1996 jeweils rund 107 000 Mark, an denen sich der Flugzeughersteller Boeing beteiligte.

Bislang mußten Geschädigte der Fluggesellschaft, dem sogenannten Luftfrachtführer, ein schuldhaftes Verhalten nachweisen, um die Haftungsbeschränkung aufzuheben. Eines der wenigen Beispiele, wo dies gelang, war das Bombenattentat auf den Pan-Am-Jumbo über Lockerbie im Jahr 1988.

Jetzt gelten in vielen Fällen neue Regeln. Seit Oktober 1995 verpflichten sich im IATA-Intercarrier-Agreement weltweit gut 90 Gesellschaften - darunter Lufthansa und Swissair - freiwillig, im Unglücksfall jedem Opfer oder dessen Angehörigen unabhängig von der Schuldfrage bis zu 245 000 Mark auszuzahlen. Darüber hinausgehende Forderungen richten sich nach den im Herkunftsland des Betroffenen üblichen Sätzen und dem bisherigen Einkommen des Opfers.

Seit dem 17. Oktober sind nun diese bisher freiwillig geleisteten Zahlungen für alle EU-Fluggesellschaften bindend. Die Airlines Europas müssen ihre allgemeinen Beförderungsbedingungen ändern, erst dann sind die bisherigen Haftungshöchstgrenzen unwirksam. Lediglich Schäden an Gepäck oder Fracht werden immer noch nach den Bestimmungen des Warschauer Abkommens behandelt.

Ein bemerkenswerter Fortschritt, weil die neuen Sätze jetzt auch alle kleineren Fluggesellschaften betreffen, die bisher nicht durch das IATA-Regelwerk erfaßt waren. Die neuen Regularien sehen für die Hinterbliebenen zusätzlich eine im Todesfall binnen 15 Tagen zu zahlende Soforthilfe von bis zu 37 000 Mark vor.