Gerhard Schröder ist gerade in seiner Regierungserklärung bei dem Passus angelangt, der vom "Geschichtsbewußtsein" handelt, aber auch von dem Neuen und anderen, auf das sich das Selbstverständnis - zumal in Berlin - gründe.

Kürzlich war ich in Auschwitz. Deutsche und polnische Studenten, die sich in Krakau getroffen hatten, nahmen an dem Besuch teil. Es war ein verhältnismäßig ruhiger Auschwitz-Tag, erklärten uns die Begleiter. Einige der Studenten waren zum erstenmal dort, die Polen kannten es alle. Sie habe geglaubt, sagte eine junge Studentin, es sei diesmal leichter für sie. Es war aber nicht leichter. Sie war fassungslos. Sie höre zu, was erläutert werde, und begreife es nicht, hat sie gesagt. Einer ihrer Kommilitonen tröstete sie, wie, weiß ich nicht mehr genau. Mir fiel Dolf Sternbergers Satz ein, Auschwitz könne man erklären, verstehen könne man es nicht.

Am Abend, zurück in Krakau, eine Autostunde von Owieçim entfernt, wollten die Studenten über den Besuch reden. Es war schließlich ein Tag in Auschwitz, von dem Martin Walser jüngst sagte, es werde oft "instrumentalisiert", und unter Verweis darauf werde die "Moralkeule" geschwungen. Einige der Studenten fanden, man müsse nun endlich "nach vorne" blikken. Man könne sich nicht dauernd "Schuld aufladen". Ich hatte den Eindruck, mit dem Wort von der ewigen "Schuldbeladenheit" übernähmen sie etwas, was in das politische Vokabular allmählich eingedrungen ist und nun als Klischee sehr fest sitzt. Andere wiederum versuchten zu erklären, weshalb ihnen das, was sie in Auschwitz gesehen hatten, ganz nahe und ganz fern zugleich erschien. Auschwitz, schilderte einer, der noch nie da war, sei ihm wie ein großer Friedhof vorgekommen, ein Monument seiner selbst, das keine anderen zulasse. Auschwitz sei so oft beredet, dokumentiert, gefilmt, benutzt, geschildert worden, daß es ihm irgendwie irreal scheine nach so langer Zeit. Für ihn sei dieser Ort Auschwitz fast mythisch weit weg, und immer ganz einmalig.

Die polnischen Studenten rieten den deutschen einhellig, möglichst unbefangen damit umzugehen. Unbefangen? Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben das Wort nicht benutzt. Fischer in der Debatte: Unser Land werde immer mit anderen Augen gesehen werden als andere, und der "Generationenwechsel" ändere daran nichts. Auch wenn die 50jährigen, die jetzt an der Spitze sind, ahnen, daß die Jüngeren ungefähr so denken mögen wie die, die am Abend nach dem Besuch in Auschwitz zusammensaßen und sich klarwerden wollten darüber, wo sie gerade waren.