Ihm wird nachgesagt, daß er bisweilen schwierig sei. Auf den ersten Blick wirkt Mahmoud Darwisch vor allem unsicher. Die Zigaretten fehlten ihm, sagt er, und es klingt, als wolle er sich im voraus entschuldigen - für den Fall, daß er als Gesprächspartner enttäuschen könnte. Eine Mischung aus Bescheidenheit und Koketterie, die bei einem Poeten seines Ranges seltsam wirkt: Hier sitzt der berühmteste moderne Dichter Palästinas, der zudem die Unabhängigkeitserklärung seines Volkes mitverfaßt und Jassir Arafat wichtige Reden geschrieben hat.

Seit einer gefährlichen Operation vor wenigen Monaten, bei der er dem Tode nahe war, raucht er nicht mehr. Daß er immer noch ein wenig angeschlagen ist, noch schlanker als früher, hindert ihn aber nicht, schon wieder zwischen der jordanischen Hauptstadt Amman und Ramallah im Westjordanland hin- und herzupendeln. Seit zwei Jahren lebt Mahmoud Darwisch in beiden Städten. Die geographische Unentschiedenheit paßt ihm, so sehr hat ihn das Leben im Exil geprägt.

Weil er nach dem Beginn des Friedensprozesses mit eigenen Augen verfolgen wollte ,"wie Geschichte funktioniert", war er aus Paris in die Nähe seines Geburtsorts zurückgekehrt. Zu Hause ist er nirgendwo. "Ich habe das Heimatgefühl im Alter von sechs Jahren verloren", sagt er, im Tonfall ganz sachlich.

Geboren wurde Darwisch 1942 in El Birweh, einem kleinen Dorf in Galiläa. Der Vater arbeitete auf den Feldern, die Mutter hat er als streng und melancholisch in Erinnerung. Bei der Gründung Israels im Jahr 1948, die er "den großen Einschnitt" nennt, floh die Familie in den Libanon. Als sie wenige Jahre später zurückkehrte, stand an der Stelle des Dorfes ein Kibbuz. Der Heranwachsende, nun heimatlos, flüchtete sich in die Welt der Bücher und las - auf hebräisch - die griechischen Tragödien und jene Poeten, die ihn später noch beeinflussen sollten: Pablo Neruda, Garcøa Lorca, Louis Aragon, Paul Eluard.

Darwisch begann selbst zu schreiben; der Dichter ergriff, so sagt er, "das Wort, wie andere zu den Waffen greifen" - "Und die Erde wurde Sprache", heißt es in einem seiner berühmtesten Gedichte.

Der schwere Schreibtisch in Ramallah, an dem er sich heute um die Veröffentlichung der arabischen Literaturzeitschrift Al Karmel kümmert, sieht aus wie der eines Generaldirektors. Terminkalender, Brieföffner, Dokumente, alles fast pedantisch aufgereiht. Daneben die gerade auf deutsch erschienene Ausgabe eines Gesprächsbandes: Palästina als Metapher (erschienen im Palmyra-Verlag, Heidelberg). In fünf Interviews mit arabischen und israelischen Dichtern zeichnet Darwisch seinen Lebensweg zwischen Literatur und Politik.

Er ergreift das Wort wie andere eine Waffe