Es gab mal Zeiten, lange her, da pilgerten Politiker und Gelehrte aus aller Welt nach Deutschland, um dem Geheimnis einer erfolgreichen Universität auf die Spur zu kommen. Heute befällt den ausländischen Wissenschaftler oft Mitleid beim Besuch deutscher Universitäten, insbesondere wenn er die Lage der Nachwuchswissenschaftler betrachtet.

Als der israelische Philosophieprofessor Paul Mendes-Flor für ein Gastsemester in Berlin lehrte, traf er auf "verunsicherte, perspektivlose und isolierte" junge Gelehrte. Zu Gast in Hamburg, staunte der amerikanische Anglist Michael Gorra, daß an deutschen Universitäten sogar promovierte Mittdreißiger noch "wie Lehrlinge behandelt werden" - und wegen ungewisser Zukunftsaussichten mitunter auch so leben: Wohngemeinschaft, unverheiratet, kinderlos. Er selbst, so der 41jährige Amerikaner, kenne dieses Gefühl seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr.

Gorra lehrt am Smith College in Northampton, Massachusetts. Nach seiner Doktorarbeit schlug er eine normale amerikanische Hochschulkarriere ein, die ihn vom teaching assistant über verschiedene Stufen zum amerikanischen Ordinarius brachte, dem full professor. Auf jeder Stelle seiner Laufbahn mußte er sein akademisches Können unter Beweis stellen: Studenten geben amerikanischen Hochschullehrern Noten für Vorlesungen und Seminare. Neutrale Gutachter bewerten die Aufsätze, bevor sie veröffentlicht werden. Ein sogenannter citation index mißt die Häufigkeit, mit der ihre Publikationen zitiert werden, und damit das wissenschaftliche Gewicht.

Am Ende der Karriereleiter überprüft eine unabhängige Kommission die Gesamtheit der Leistungen des Wissenschaftlers: sein Können als Forscher, sein Engagement als Lehrer, seine Fähigkeit, Geld für die Universität heranzuschaffen, sowie seinen Eifer bei der Mitarbeit in den Hochschulgremien. Erst dann erhält der Professor die tenure, die Daueranstellung. Eine Habilitation mußte Michael Gorra nicht schreiben, dafür jedoch nach seiner Doktorarbeit verschiedene Aufsätze veröffentlichen. Bei den großen, renommierten Universitäten muß der Professor zudem ein "zweites Buch" vorlegen. Doch diese Schrift bewerten - anders als in Deutschland - nicht die Mitglieder derselben Fakultät, sondern Lektoren eines Wissenschaftsverlages. Das hebt den Standard und erschwert Mauscheleien.

Der junge Wissenschaftler in den USA muß nicht weniger arbeiten als sein Kollege in Deutschland. Aber er tut es selbständig, ohne einem älteren Professor zu Diensten zu sein. Dafür muß er sein Tun von der Doktorarbeit bis zur Emeritierung rechtfertigen. Erklimmt er die jeweils nächste Stufe auf der Karriereleiter nicht, stürzt er dennoch nicht ins Loch. Auch ohne Ordinarius zu sein, kann man an amerikanischen, englischen, australischen oder israelischen Universitäten ein respektables Leben als Wissenschaftler führen. Folgt man den deutschen Reformvorschlägen, dann sollen Teile dieses Laufbahnmodells auch hier Schule machen. Selbst der Wissenschaftsrat plädiert in seinem jüngsten Gutachten für eine "Angleichung an internationale Karrieremuster". Dazu gilt es, das Risiko der wissenschaftlichen Laufbahn besser zu verteilen. Konkret bedeutet dies: höhere Hürden beim Einstieg, um frühzeitig diejenigen abzuschrecken, die später keine Chance haben werden. Wer die Hürden jedoch nimmt, bekommt mehr Sicherheit: in Form einer Anstellung, die unbefristet, aber nicht unkündbar ist. Die alleinige Fixierung auf die Habilitation als akademisches Maß aller Dinge soll wegfallen, andere Qualitäten in Lehre und Wissenschaftsmanagement Gewicht gewinnen. Zudem plädiert der Wissenschaftsrat in der Personalpolitik für mehr Transparenz, Wettbewerb und Kontrolle - bislang Fremdwörter an deutschen Universitäten. Die Hochschulen sollen ihre Nachwuchsstellen von der Promotion an öffentlich ausschreiben, Mentoren mit den Nachwuchswissenschaftlern regelmäßig über Leistungen und Karriereperspektiven sprechen. Die Habilitation soll stärker von externen Gutachtern bewertet werden.

Bildungsexperten wie der ehemalige Präsident der Universität Oldenburg, Michael Daxner, gehen noch einen Schritt weiter. Sie fordern, die Habilitation ganz abzuschaffen. Statt dessen, so der bildungspolitische Berater der neuen Bundesregierung, soll der Jungforscher sich in einer dreijährigen Probephase beweisen. Als soziale Absicherung schlägt Daxner lediglich ein Grundgehalt vor. Mehr Geld fließt nur gegen Leistung: für Nachwuchswissenschaftler wie für etablierte Professoren. Der Beamtenstatus der Ordinarien entfällt.

Die letzte Forderung bedarf neuer Gesetze. Die anderen Vorschläge ließen sich schon heute ohne Mühe umsetzen. "Das neue Hochschulrahmengesetz hat das Tor weit aufgestoßen", sagt Hans-Gerhard Husung vom Wissenschaftsrat. Doch was nützt das offene Tor, wenn die Professoren nicht hindurchgehen?