In der Ära Kohl waren deutsch-russische Beziehungen Herzenssache großer gewichtiger Männer. Boris Jelzin und Helmut Kohl beherrschten die brüderliche Umarmung, bei der nur noch der Bauchumfang den Sicherheitsabstand gewährleistete. Gemeinsam dirigierte man Orchester, gemeinsam schwitzte man in der Sauna, gemeinsam heftete man sich Orden an die Brust. Außenpolitik nach Gutsherrenart hatte ihren Sinn, als große Dinge zu entscheiden waren: zum Beispiel beim Abzug russischer Truppen aus Deutschland. Doch am Ende war die Geste schal geworden.

Wenn Gerhard Schröder am kommenden Montag nach Moskau reist, um Premier Primakow und vielleicht Boris Jelzin zu treffen, dürfte es keinen Gipfel der Gefühle geben. Das ist eine Chance, bessere Beziehungen nicht nur zu einem Russen, sondern zu Rußland aufzubauen. Beide Länder brauchen mehr Institutionen der Zusammenarbeit, die langfristig planen. Der Austausch von Juristen und Beamten gehört dazu, ein Jugendwerk, eine deutsch-russische Verwaltungshochschule und eine gemeinsame Kommission, die Einreisehindernisse bekämpft.

Diese Materie ist trockener als jede Sauna. Das sollte Schröder nun, wo er Kanzler ist, nicht schmerzen. Er wird es anders machen als Kohl. Für den alten Stil fehlt es ihm auch an Gewicht.