Als metaphorisches Mega-Maskottchen der Ausstellung bietet es sich geradezu an: Thom Merricks 5 x 7,50 x 5 Meter großer, blauer, aufgeblasener Plastik-Dinosaurier. Umgeworfen liegt er auf der Seite und sprengt so fast die ihm zugedachte Raumnische. Das klassische Konzept des Museums, ist es ein Dinosaurier aus einer Zeit fester Wertesysteme - soll es kurz gekippt werden? Um Fragen in diesem Zusammenhang kreist das funkensprühende Ausstellungsereignis, mit dem Jochen Poetter, seit einem Jahr neuer Direktor des Museum Ludwig, die traditionsreiche Transatlantik-Connection zwischen der Kunstwelt-Metropole Köln und der Kunst- und Weltmetropole New York in Rekordzeit wiederzubeleben und damit auch dem Museum neues Leben zu injizieren versucht. Think big, das könnte das Motto der Show I love New York sein, die damit ihrem Thema, der zeitgenössischen Kunst des Big Apple, offensichtlich gerecht wird. New York als geographischer Angelpunkt zeitgenössischer Tendenzen (wohlgemerkt nicht Trends), als Schmelztiegel, in dem die unterschiedlichen Kulturen auf heißer Flamme zusammenkochen - darum geht es in diesem ambitionierten Projekt.

Zugegeben: Die etwas abgestandenen Ausstellungsübernahmen, das Durchdeklinieren der Pop-art-Klassiker wie Johns und Rauschenberg in letzter Zeit, das war man schon ein bißchen leid. Auch wenn der Kölner Blick zurück in die eigene Vergangenheit des Museums mit seiner bedeutenden Pop-art-Sammlung immer auch eine Erinnerung an jene heroische Zeit war, als das Haus - und mit ihm die ganze Kunststadt - noch in die Welt ausstrahlte und als die Rhein-Kultur aus dem Osten noch eher Kalten Krieg als harten Wettbewerbsdruck zu erwarten hatte. Das ist, der Hauptstadt Berlin sei Dank, jetzt anders.

Weniger aus der weiten Welt, sondern eher aus ihrem Gegenort, nämlich Baden-Baden, ist Jochen Poetter nach Köln gekommen. Bereits in der Baden-Badener Kunsthalle hatte Poetter mit Ausstellungen wie Urbane Legenden (junge britische Kunst) den Glauben an einen Genius loci, an jenen mythischkreativen Ort, hochgehalten, der ja bekanntlich fast immer woanders ist als man selbst. Mit einer Ausstellungshalle im rechtsrheinischen Stadtteil Kalk, einer wiedererstarkten Sammlertätigkeit von Irene Ludwig sowie neuen Ankäufen seitens der Stadt glaubt Poetter sich inzwischen für Köln konkrete und zukunftsträchtige Perspektiven geschaffen zu haben.

Ausgestattet mit dieser kulturpolitischen Rückendeckung und gutem finanziellem Rückenwind - Jochen Poetter gewann mit seinem Ausstellungskonzept unter zehn Bewerbern den neu ausgeschriebenen Philip Morris-Kuratorenpreis ProSpective -, konnte er sich so die aufwendige "phänomenologische" Expedition leisten. Im Gespräch mit ihm verdichtet sich das Thema zu einer spannenden Erzählung. In der Ausstellung selbst wird klar, daß diese Erzählung aber eher ein Märchen ist, ein etwas schrilles noch dazu. Denn die Akkumulation der von Poetter ausgewählten Arbeiten und Künstler rückt die Erzählung in ein ganz eigenes Licht. Dieses Licht ist bunt und grell, es glamourt und glitzert. Die Ausstellung reproduziert, ja zelebriert den schönen Schein eines sehr amerikanischen und noch dazu sehr klischeehaften Mythos von einer vitalen (Kunst-)Stadt. Die Frage, die zurückbleibt, ist: Feiert die Ausstellung die Kunst, oder feiert sie die Kunst bloß ab?

So gesehen würde sich I love New York gut eignen für ein strategisches Tourismusmarketing - deckt sich das Event doch hervorragend mit der aktuellen Straßen- und Imagepolitur, die in den letzten Jahren in New York vorgenommen wurde. Außer bei Nari Ward und Tony Oursler, die etwas von der Authentizität der Straße mit hereinbringen, werden in der Ausstellung alle Dissonanzen ausund statt dessen alle vorhandenen Disney-Erlebnisqualitäten eingeblendet. Fröhlich, aber zivilisiert, verspielt, aber desinfiziert und vor allem bereinigt vom urbanen Kontext - so sieht das New Yorker Stelldichein aus. Ganz anders als die Engländer, der Brit-Art-Szene (jetzt zu sehen in Berlin und Hamburg) mit ihrer bewußt rotzig-pöbelhaften Geste, ihrer provokanten, bisweilen obszönen Schnoddrigkeit, ihrer Affinität zum Trash, präsentiert die Kölner Ausstellung New Yorker Kunst als Kunst ohne Zündstoff, dafür aber mit Zuckerguß.

Eine Ausstellung ohne Stil und intellektuelle Verpackung

Pop, Plop, HipHop, Drop, Shop, Ex und Hopp. Lautmalerisch läßt sich der Parcours abwandern, auf dem 28 in New York lebende Künstler und Künstlerinnen ausschließlich Arbeiten zeigen, die nicht älter als fünf Jahre sind, mehr als die Hälfte wurde extra für die Ausstellung gemacht. Poppig begrüßt den Besucher Pjotr Uklanskijs blinkende Disko-Treppe, eine Reminiszenz an die Siebziger, und läßt ihn im richtigen Rhythmus in die Ausstellung gleiten. "You are the star", will sie uns wohl sagen. Charles Long macht sich mit seiner Plop Art - wie er sie selbst nennt - zum Meister der interdisziplinären und interaktiven Kunst: Seine amüsanten Sound-Skulpturen fordern zum Bearbeiten von Knetgummi auf. HipHop-DJ Spooky alias Paul D. Miller erklärt hingegen kurzerhand die Konservenidee des Scratching zum Kunstkonzept und macht eine Ausstellung in der Ausstellung. David Bowies und Laurie Andersons Sign-Dropping ist wohl auch kaum mehr als ein Name-Dropping. Ihre belanglosen Telefonkritzeleien dienen letztlich dem Glamour der Künstlerliste. Den endgültigen Ex-und-Hopp-Ausverkauf praktiziert schließlich Stephen Keene. In Minutenschnelle produziert er seine Fließbandbilder und bietet sie zu inflationären Stückpreisen an - sozusagen frisch aus eigener Aus-Schlachtung.