Das Buch zum Film gibt's schon länger, auch den Film zum Buch. Jetzt haben wir den zweiten Band zum Film, und der wirft terminologische Schwierigkeiten auf. Kann man von einem zweiten Band reden, wenn gar kein erster existiert, wenn der Anfang der Geschichte nur filmisch vorliegt? Zu allem Überfluß ging dem Film ein Theaterstück voraus... Einigen wir uns auf Multimedia, das macht sich immer gut. Mit Everybody Comes to Rick, Casablanca und As time goes by (wie der zweite Band im Original heißt) wird der mündige Mediensurfer angesprochen, der mal horcht, mal guckt, mal liest, um Rick, Sam, Ilsa und Victor Laszlo zu begegnen und zu erfahren, wie's nach dem Ende von Michael Curtiz' Kultfilm mit ihnen weiterging.

Leider kann man das Buch nicht in den Videorecorder reinstopfen. Man muß es lesen. Und da ergeben sich ästhetische Schwierigkeiten. Niemand könne umhin, wie Autor Walsh befriedigt vermerkt, sich bei der Lektüre Humphrey Bogart und Ingrid Bergman vorzustellen, und er hoffte wohl, daß im Kopf seiner Leser stracks eine Fortsetzung von Casablanca ablaufen werde, ähnlich melodramatisch, schwarzweiß und ergreifend wie Teil eins. Aber er hat den Eigenwillen der geschriebenen Sprache und ihre Kraft oder auch ihr Unvermögen, innere Bilder aus atmosphärischen Details zusammenzubauen, unterschätzt. In seinem Buch erstehen Richard Blaine und Ilsa Lund und der ganze Rest des Casablanca-Personals als flache, quäkende, äffende Gnomen, die verzweifelt versuchen, wie Bogey und die Bergman auszusehen und ihnen doch nur bis zum Knie reichen. Walsh tut alles, um die Geschichte des verkrachten Kneipiers aus New York und der gefühlsverwirrten Patriotin aus Norwegen weiterzuspinnen und sie sogar durch Rückblenden aus beider Jugend zu komplettieren - und erzeugt doch bloß eine Art Entenhausen-Casablanca, dessen Tonspur zu schnell läuft. Die Handlung: Alle treffen sich in London, wo die tschechische Widerstandsbewegung ein Attentat auf Heydrich plant. Die Sache geht schief, aber immerhin muß Victor dran glauben. Jetzt ist der Weg frei für Rick und Ilsa, und sie sagt zu ihm: Ich seh' dir in die Augen, Kleiner.

Casablanca ist ein Kinomythos. Der Reiz des Mythos ist das Geheimnis, die dunklen Punkte in der Vorgeschichte, die schwankenden Gefühle, der offene Schluß. Gerade weil der Film sich einer klaren Lösung versagt und so die Phantasie beschäftigt, ist er ein Klassiker. Wer jetzt die Frage des Kinopublikums: "Ob die zwei sich wohl wiedersehen?" mit einem Kolportageroman beantwortet, beweist damit seine profunde Ignoranz in Sachen Kinomythos. Aber vielleicht wissen Walsh und die Geschäftemacher, die ihn ans Werk gesetzt haben, genau Bescheid. Vielleicht halten sie das Kinopublikum für so dumm, daß es seine Anhänglichkeit an den Film gegen ein Buch eintauscht, in dem all die Geheimnisse gelüftet werden, um dessentwillen es Casablanca liebte. Und vielleicht ist es wirklich so dumm.

Aber der Mythos ist klüger. Die Leute werden das Buch vergessen, in den Film gehen und aufs neue rätseln: Wen liebt sie denn nun wirklich?

Michael Walsh:

Für immer Casablanca; aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner; Schneekluth, München 1998; 416 S., 44,- DM