Der Mann ist dieser Tage nicht zu beneiden. Überall muß Heinrich von Pierer Rede und Antwort stehen. Analysten, Journalisten, Aufsichtsräte, Betriebsräte, Politiker und Manager - alle wollen von ihm wissen, was bei Siemens los ist. Fast schon ein Glück, daß ihm eine leichte Zerrung den Verzicht auf sein geliebtes Tennisspiel leichter macht. Doch auch so würde der 57jährige Konzernchef gerne Überstunden machen. Das Erklären ist ihm ein Bedürfnis.

Schließlich hat er für den 151jährigen Traditionskonzern geradezu Revolutionäres verkündet: Von nicht weniger als 17 Milliarden Mark, einem Siebtel des Weltumsatzes, wolle man sich trennen, 60 000 von 416 000 Konzernmitarbeitern wären draußen, die Halbleitersparte solle an die Börse gebracht werden.

Wie kaum ein anderer Spitzenmanager in Deutschland will Pierer in seinem Denken und Handeln verstanden und bestätigt werden. Obwohl aus einer Offiziersfamilie stammend, ist der Befehlston nicht seine Art. Er möchte überzeugen, sucht Zustimmung im Blickkontakt. Er will den Konsens. Das hat er in seiner Karriere bei Siemens gelernt. Obwohl der Vorstand dort mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet ist, war nie der einsame Entscheider gefragt. Doch die anhaltende Kritik hat bei dem Konzernchef Wirkung hinterlassen: Zuwenig Gewinn, zuwenig Shareholder value schaffe der Umsatzriese Siemens, schimpfen Analysten und Aktionäre. Die Presse gibt ihm fortlaufend Ratschläge, wie er das unübersichtliche Konglomerat aus 250 Geschäftsfeldern auf Profit trimmen soll: den Gewinnbringer Osram versilbern, den Verlustbringer Verkehrstechnik abstoßen, sich nur noch auf das Kerngeschäft rund ums Telefon konzentrieren. Von Gewerkschaften und Standortpolitikern hört er ganz andere Töne: Der reiche Konzern dürfe Arbeitsplätze nicht kurzfristigen Kapitalinteressen opfern, ein Konzern dieser Größenordnung dürfe sich nicht vor seiner Verantwortung für Deutschland drücken.

CSU-Mann Pierer, 1976 nur knapp als Bundestagskandidat durchgefallen, sieht seinen Job auch politisch. Ein Übersoll an Ausbildungsplätzen und beim Aufbau Ost (Chipwerk Dresden) entsprang nicht nur seinem guten Draht zu Exkanzler Helmut Kohl. Er versteht sich auch prächtig mit dessen Nachfolger Gerhard Schröder.

Pierer sucht aber nicht nur die Nähe der Mächtigen. Bei Werksbesuchen schüttelt er freundlich Hände und versucht zugleich, den Betriebsräten den Ernst der Lage beizubringen: Ohne höhere Gewinne könne das Unternehmen auch nicht für sichere Arbeitsplätze sorgen.

Nicht weniger intensiv umwirbt der Mann, der so gerne vom "schwierigen Spagat" zwischen den Interessen von Arbeitnehmern und Aktionären spricht, die andere Seite. Zwar liebt er die besserwisserische Riege der internationalen Bankanalysten nicht. Und wenn so einer mit Vokabeln wie "abstoßen" kurzerhand über das Schicksal Tausender Menschen befindet, kann er sich in kleinem Kreis richtig darüber aufregen. Doch Heinrich v. Pierer hat auch einen Traum. Er möchte als derjenige in die Konzerngeschichte eingehen, welcher der Siemens-Aktie endlich die ihr gebührende Wertschätzung verschaffen konnte. So dient er den Analysten geduldig an, was der Vorstand nicht alles für die "Steigerung des Unternehmenswerts" tut (der Ausdruck Shareholder value wird geflissentlich vermieden). Er spricht vom erfolgreichen "top"-Programm, mit dem die Produktivität von drei Prozent auf zweistellige Jahresraten gepuscht worden sei. Er preist die neue Wertsteigerungsinitiative "win", nach der jedes Geschäftsgebiet seine Kapitalkosten ordentlich verzinsen muß. Neuerdings erzählt er häufig von "Deinvestments", zu deutsch: vom Verkauf von Fabriken und Labors mit Mann und Maus. Solche Nachrichten hören die Analysten gerne. Hochleistungsdrucker, Herzschrittmacher, Zahnarztstühle, Rüstungselektronik, Starkstromkabel sind schon weg, bald also auch die Mikrochips.

Je höher die Zahl der Mitarbeiter, desto beeindruckter sind die Analysten und ihre gläubige Gemeinde an der Börse. Als der neue Deinvestitions-Rekord bekannt wurde, machte die Aktie einen Sprung um zwölf Prozent. Doch jeder Brocken, den Pierer den Deinvestment-Fans zuwirft, macht diese begehrlicher. Dauernd muß nachgelegt werden. Heinrich von Pierer, der bei seiner Wahl zum Vorstandsvorsitzenden vor sechs Jahren als Antreiber angetreten war, wird zunehmend zum Getriebenen - nicht zuletzt getrieben von seinen eigenen Versprechungen.