Kann man die Menschenrechte mit Waffengewalt durchsetzen? Sollen Expeditionskorps der Demokratie im Auftrag der Uno Diktatoren in die Schranken weisen? Das sind Fragen, die wir heute, vorsichtig zwar, aber ganz selbstverständlich diskutieren. Und doch ist die Tatsache, daß Soldaten nicht mehr nur für einen Landesherrn oder für einen zahlenden Auftraggeber kämpfen, sondern daß sie sich für die Freiheit und die Rechte des Bürgers und des Menschen schlagen, einmal ein geschichtliches Novum gewesen - wie so vieles eine Frucht der Französischen Revolution.

Wie aber wurde damals aus einem gelernten Untertan oder Söldner ein Kämpfer für die Freiheit? Den 1753 geborenen Straßburger Wachtmeistersohn Jean-Baptiste Kléber zum Beispiel hatte wenig dazu prädestiniert, zum leidenschaftlichen Verteidiger der Revolution und der Republik zu werden. Das Kriegshandwerk hatte der junge Elsässer in der kaiserlich-österreichischen Armee erlernt, in der er sich verdingen mußte, nachdem sein Versuch gescheitert war, sich in Paris in seinem erlernten Architektenberuf durchzusetzen.

Als 1789 die Revolution ausbricht, ist Kléber gerade dabei, in Straßburg als Baumeister ein wenig ins Geschäft zu kommen; er hätte allen Anlaß, die neue Zeit zum Teufel zu wünschen, denn sie beraubt ihn seiner Auftraggeber, des Adels und der Kirche. Dennoch schließt sich der Bürger Kléber sofort der Revolution an, die den Baumeister Kléber ruiniert. Er tritt dem örtlichen Jakobinerklub bei, hält sich von den Radikalen jedoch fern. "Mit Entsetzen sprach er von Robespierre und den Fraktionen im allgemeinen, die so viel Blut vergossen und sein unglückliches Land verheert hatten", schreibt ein englischer Zeitzeuge aus späteren Jahren; aber zugleich habe Kléber vor einer Rückkehr "der Royalistenpartei" gewarnt, "von deren Intoleranz gemäßigte Leute fast ebensoviel zu befürchten hätten wie von den blutrünstigsten Jakobinern ..." Als Voltairianer, der jeglichen Fanatismus verabscheut, hat Kléber sich selbst in autobiographischen Aufzeichnungen zu erkennen gegeben: "Europa, eingezwängt zwischen Tyrannei der Priester und militärischem Despotismus, wartet in Blut und Tränen auf den Augenblick, da ein neues Licht es zur Freiheit, zur Humanität und zur Tugend wiedererwecken wird."

Vorerst gilt es jedoch, weniger ganz Europa als das von außen bedrängte revolutionäre Frankreich zu retten. Kléber tritt in die revolutionäre Nationalgarde ein und wird zum Oberstleutnant befördert. Bei der Verteidigung von Mainz, das die Revolutionsarmee 1792 erobert hatte, zeichnet sich Kleber gegen die preußisch-österreichische Übermacht durch außergewöhnliche militärische Umsicht aus. Als die französische Schutzmacht der Mainzer Republik im Juli 1793 dann doch kapitulieren muß, wird ihm freier Abzug gewährt. Zurück in Frankreich, entgeht der Soldat der Revolution nur um ein Haar der in Paris wütenden Terreur. Kleber wird verhaftet, jedoch gleich wieder freigelassen, weil seine kampferprobte Mainzer Armee dringend in der Vendée gebraucht wird, wo sich Bauern und royalistische Notabeln gegen die Republik erhoben und zur "katholischen und königlichen Armee" zusammengeschlossen haben. Im Oktober 1793 bringen die von Kléber kommandierten republikanischen Truppen den Royalisten bei Cholet eine vernichtende Niederlage bei; ihre Armee zerstreut sich in alle Winde. Seine Männer marschieren wieder nach Osten, wo sie bald neue Erfolge erringen. Der Sturz Robespierres 1794 kommt Kléber gelegen - endlich pfuscht ihm, dem Berufsoffizier, kein Ideologe mehr ins Handwerk.

Ein anderer Revolutionssoldat, der sechzehn Jahre jüngere korsische Artilleriehauptmann Napoleon Bonaparte, sieht sich vom Thermidor dagegen unangenehm überrumpelt, hatte er doch ganz auf die Jakobiner gesetzt. Seine Chance kommt 1795 mit einem royalistischen Aufstand in Paris, den er vor aller Augen effektvoll niederschlägt. Dem zum General beförderten Bonaparte wird das Kommando über die Armee anvertraut, die sich ein Jahr später nach Oberitalien in Marsch setzt - 1797 kehrt er als Triumphator zurück.

Das seit 1795 amtierende Direktorium stimmt prinzipiell zu, als der Korse im Herbst 1797 den Plan eines Angriffs auf England vorträgt. Unter dem Einfluß Talleyrands, der gerade aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt ist, wird das Projekt jedoch noch einmal abgewandelt: Jetzt soll der Krieg im Mittelmeer beginnen, mit einem Einbruch in die mediterrane Einflußsphäre Großbritanniens. Im März 1798 bewilligt das Direktorium das Geld für Bonapartes ägyptische Expedition. Und nach der ungewöhnlich kurzen Vorbereitungszeit von zwei Monaten sticht das französische Expeditionskorps im Mai 1798 von Toulon aus in See. Unter den Generälen, die Bonaparte als Divisionskommandeure ausgesucht hat, befindet sich Kléber. Nach dem Zeugnis Antoine-Clair Thibaudeaus, des Chefs der Verfassungspartei, hält dieser allerdings nicht viel von dem Oberbefehlshaber der Expedition: Der Elsässer folge dem Korsen nur, "um zu sehen, ... was dieser kleine Scheißer da in den Eingeweiden" habe.

Nach der Landung ist Kléber wegen einer Verwundung zu einer Ruhepause gezwungen. Während Bonaparte zum Nil und nach Kairo vorstößt, bleibt er als Stadtkommandant in Alexandria zurück und hat Zeit, die Proklamation zu studieren, die der Oberbefehlshaber an Bord seines Flaggschiffs Orient entworfen hat, um den Bewohnern Ägyptens die Absichten der Franzosen zu erklären: "Im Namen der auf den Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegründeten französischen Republik gibt General Bonaparte, Chef der französischen Armee, dem Volk Ägyptens zur Kenntnis, daß die Beys, die Ägypten regieren, die französische Nation schon zu lange beleidigen und ihre Kaufleute mit Schikanen überhäufen. Die Stunde ihrer Bestrafung ist gekommen. Seit viel zu langer Zeit tyrannisiert dieser Haufen im Kaukasus und in Georgien zusammengekaufter Sklaven den schönsten Landstrich der Welt; doch Gott der Allmächtige und Herr der Welt hat beschlossen, ihrer Herrschaft ein Ende zu setzen.