Der Haupttitel dieses Buches gibt sich recht unbestimmt, aber mit dem Hinweis im Vorwort, daß es sich um eine historische Ortsbestimmung der Bundesrepublik Deutschland handeln soll, weiß man, woran man ist. Der Autor, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität München, hat sich als gediegener Historiker, der er ist, diesmal sogar bis in die unmittelbare Gegenwart vorgewagt, nämlich bis zu der detaillierten Darstellung des Prozesses der Wiedervereinigung Deutschlands von 1989 bis heute. Er wollte zeigen, ob und wie sich das Deutschland seit 1990 von seinen Vorgängern unterscheidet.

Darin liegt ein Verdienst dieses Buches, weil es in einer bislang noch nicht zu lesenden, streng an den bekannten Fakten orientierten vergleichenden Übersicht Positiva und Negativa dieses Prozesses zu bilanzieren sucht, wobei stets der Blick auf das historische Wandlungspotential gerichtet ist. Ritter interessiert in dieser Studie nicht so sehr das, was ist und wie es geworden ist, sondern der Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was war.

Dies ist ein legitimer Ansatz für eine dreigeteilte Geschichte Deutschlands seit 1945, bei der ein Vergleich der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und mentalen Strukturen im Mittelpunkt steht. Die Dreiteilung ergibt sich aus dem historischen Ablauf nach 1945: Zweiteilung Deutschlands in die Bundesrepublik und die DDR, dann, nach der Wende, die mit der früheren DDR vereinigte größere Bundesrepublik. So ist das Buch auch gegliedert, wobei es dem Autor darauf ankommt, sowohl an der Bundesrepublik wie an der DDR zu zeigen, ob und in welchen Feldern die beiden deutschen Staaten in der Kontinuität ihrer Vorgeschichte standen beziehungsweise was an ihnen historisch neuartig war. Ritters beachtliche Arbeitsleistung liegt darin, daß er das Thema Kontinuität nicht pauschal, sondern detailliert angeht, wovon auch sein beeindruckendes Literaturverzeichnis Zeugnis ablegt. Er geht alle öffentlich relevanten Bereiche der Bundesrepublik und der DDR von der Verfassung über Wirtschaft und Gesellschaft bis zu Kultur, Medien und Mentalitäten der Reihe nach durch, um an ihnen jeweils zu zeigen, wie sehr sie in einer historischen Kontinuität zu sehen sind - oder nicht.

Das ist interessant zum Beispiel hinsichtlich eines Vergleichs des Austauschs der Führungseliten nach der Nazi-Ära in der Bundesrepublik und der DDR. In dieser war der Austausch ungleich radikaler, wie überhaupt die DDR geringere Kontinuitäten zu ihrer Vorgeschichte aufweist als die Bundesrepublik, was freilich nicht überrascht. Ritters detaillierte vergleichende Darstellung, die in allen drei Teilen des Buches durchgezogen wird, ist trotz oder besser wegen ihres Reichtums an Information etwas positivistisch und pointillistisch geraten. Sie reiht die Dinge aneinander, ohne sie jeweils in ihrem Zusammenhang mit dem Ganzen zu sehen und ohne die Probleme und Dramatik erkennen zu lassen, die mit den Kontinuitäten und Wandlungen im einzelnen einhergehen.

Selbst der wichtige dritte Teil, in dem erstmals eine alle Aspekte des Vereinigungsprozesses einbeziehende Darstellung der Veränderungen im Osten gegeben wird, leidet unter der spröden, wenn auch verläßlichen Berichterstattung über alles, was zur Sache gehört, zum Beispiel die ostdeutsche Arbeitslosigkeit, das dortige Rentenniveau, die Veränderungen im Schul- und Hochschulsystem und so weiter. Obwohl Gerhard A. Ritter im Vorwort bekennt, er wolle um Verständnis für die Deutschen im Osten werben, befleißigt er sich einer kühlen Darstellung dessen, was inzwischen aus der DDR geworden ist. Er warnt immerhin vor einem ökonomischen und sozialen Gefälle zwischen West und Ost; die neuen Bundesländer dürften nicht zum Armenhaus der Bundesrepublik werden. Vieles liest sich wie ein objektiver, den Prozeß der Wiedervereinigung freundlich unterstützender "Bericht zur Lage der Nation". Der Historiker kann am Ende nicht umhin, der Bundesrepublik zu empfehlen, alles zu tun, "um eine weitere Entfremdung zwischen den Deutschen im Osten und Westen zu verhindern".

Offenbar sind solche guten Wünsche für das Gedeihen der deutschen Einheit heute ebenso unerläßlich, wie es in der Zeit der Trennung das Bedauern der deutschen Teilung war. Diese Respektierung der Political Correctness in Sachen Wiedervereinigung hat Ritter jedoch nicht dazu verführt, seine Daten entsprechend auszuwählen oder anzupassen. Er hat vielmehr ein höchst sachliches und darum für viele nützliches Buch über Kontinuität und Wandel in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, es ist eine gute wissenschaftliche Grundlage für die politische Diskussion und die politische Bildung. Das ist positiv zu veranschlagen, auch wenn Darstellungsweise und Stil des Buches einer Idee von objektiver Wissenschaft angenähert sind, die mehr zum Nachschlagen und Nachprüfen anregt als zum engagierten Lesen.

Gerhard A. Ritter: Über Deutschland Die Bundesrepublik in der deutschen Geschichte; C. H. Beck, München 1998; 303 S., 39,80 DM