BOX OF CHAMELEONS

Eine Pressestimme: "Plötzlich hört man den südamerikanischen Straßenmusikanten in unseren Fußgängerzonen auf eine andere Art zu. Man beginnt insgeheim zu hoffen, hier mögen die Sun City Girls stehen und dem multikulturellen Fußvolk Angst und Schrecken einjagen - statt ihm hübsch synthetisierte Fremdheit fürs Ikea-Wohnzimmer zu liefern. Diese Musik läßt Ethnologie wieder wie ein Abenteuer erscheinen!"

So kommentiert das deutsche Fanzine Hayfever die geheimnisvollste amerikanische Band der letzten 15 Jahre. Amerika? Ach was! In den wilden Improvisationen der Sun City Girls krachen in wenigen Minuten die Kulturen ganzer Erdteile ineinander. Die aus Arizona nach Seattle umgesiedelten Brüder Rick und Alan Bishop sind libanesischer Abstammung. Sie haben ihr Leben lang arabische Musik gehört, sind geprägt vom Oud-Spiel des Großvaters und stolz auf ihren entfernten Verwandten Farid El Atrache, den "Elvis des Mittleren Ostens".

Free-Jazz-Attacken zwischen Feinsinn und Garagenpunk, verschleppte Rocksongs neben imitierten Ragas, Ethno-Sounds aus dem Lumpensack, hinkende Coverversionen auf Sammelsuriumsinstrumenten, ins Irrsinnige verzerrter Campfire-Folk, wunderbar vulgär und lässig albern - das ist die Musik der Sun City Girls.

Immer wieder wird sie durchzogen von mystischen Anspielungen, doch die antiken Lemuren, die indische Göttin Kali geistern nicht zu unserem exotischen Vergnügen durch die Songtexte. Sie haben es auf die schlechten Eigenschaften der westlichen Popmusik abgesehen: wider die glatte Produktion, die vorhersagbaren Arrangements und Kompositionen. "Improvisation ist der Verlust von Angst", sagt Alan Bishop, und sein orientalisch näselnder, rotziger Gesang ringt letzte Zweifel nieder.

Bedrohlich, wie die Brüder maskiert und verkleidet mit ihrem dritten Mann Charles Gocher auftreten, einfach unberechenbar - vor allem für die Musikindustrie. Deshalb haben ihre 15 Platten, ungezählten Singles und Kassetten bisher keinen wahrnehmbaren Verbreitungsgrad erreicht.

Seit vorigem Jahr gibt es nun die Box of Chameleons, 128 Stückchen von 1979 bis 1996 auf drei CDs, ein Einstieg in die Welt der Sun City Girls. Unaufdringlich lassen die drei hier erkennen, daß sie bei aller chaotischen Improvisationswut sehr gute Musiker sind, die ein feines Gespür für jazzige Gitarrenmotive haben. So hätten Grateful Dead mit der Intensität von Albert Ayler klingen können!