Dresden

Es war eine halsbrecherische Aktion, die ein unbekannter Fotograf für die Nachwelt festgehalten hat. Zwei Feuerwehrleute sind mit ihrer Leiter auf die Kuppel der brennenden Synagoge gestiegen, um den Davidstern herunterzuholen. Einer streckt seine Hände nach ihm aus, während der zweite damit beschäftigt ist, den Kameraden festzuhalten. Hinter den beiden Männern klafft ein riesiges, rauchendes Loch. In scharfem Kontrast zu dem mit Qualm erfüllten Höllenschlund, der einmal der große Betsaal der Synagoge war, wirkt die Kuppel mit dem Stern seltsam unversehrt.

Das Foto mag am Morgen des 10. November 1938 entstanden sein. In der Nacht zuvor hatten in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser gebrannt. Ihr Feuerschein bedeutete den Beginn des Infernos, wie Victor Klemperer, der scharfsichtige Chronist des Terrors, schrieb. In Dresden hatte der Nazimob die Synagoge Gottfried Sempers angezündet, die Feuerwehr wollte oder durfte nicht löschen, und so blieb von dem berühmten Bau, Symbol eines selbstbewußten jüdischen Bürgertums, nur ein rauchender Trümmerhaufen.

Am Tag nach der Pogromnacht feierte der Dresdner Nazigauleiter Martin Mutschmann den Sieg über den "jüdischen Erbfeind". Die Ruine der Synagoge wurde gesprengt, der Schutt zum Straßenbau verwendet. Die Kosten des Abbruchs mußte die jüdische Gemeinde tragen. "Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen", sagt Roman König, das heutige Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Auch 60 Jahre nach der schrecklichen Nacht sind in seinen Worten Trauer und Zorn über das so gegenwärtig Vergangene spürbar.

In diesem Jahr soll der Tag der Schande auch ein Tag der Zuversicht werden. Am 9. November 1998 haben die Dresdner Juden den ersten symbolischen Spatenstich für ihr neues Gotteshaus getan. Die provisorische Synagoge in der Totenhalle des Jüdischen Friedhofs an der Fiedlerstraße war zu klein geworden, seit die Gemeinde durch Einwanderer aus Osteuropa von knapp 50 nach der Wende auf mehr als 200 Mitglieder angewachsen ist. Die neue Synagoge soll im Stadtzentrum gebaut werden, dort, wo einst der Semper-Bau stand, vis-à-vis der Brühlschen Terrasse. Lange Zeit erinnerte hier nichts an das Bauwerk, das 1838 begonnen worden war und nach fast genau 100 Jahren dem Rassenwahn anheimfiel. Erst 1975 wurde ein Gedenkstein in Form der Menora, des siebenarmigen Leuchters, aufgestellt. Seit kurzem gemahnt auch wieder der Name einer Straßenbahnhaltestelle an den Genius loci.

Die Dresdner Synagoge ist der erste Neubau eines jüdischen Gotteshauses, der in Ostdeutschland nach dem Krieg begonnen wird. Realisiert wird der Plan eines Saarbrücker Architektenbüros, der in einem internationalen Wettbewerb mit dem dritten Preis ausgezeichnet worden war. Grundidee des Entwurfs ist eine Art Sockel, der den Grundriß des Semper-Baus nachzeichnet. Auf dieser Fläche stehen sich die Synagoge und das kleinere Gemeindehaus gegenüber; ein Baumhain schiebt sich zwischen die Gebäude. Der würfelförmige Baukörper des Gotteshauses soll die Form eines altjüdischen Tempels aufnehmen; im Inneren wird die Schwere des Baus von einem abgehängten Zeltdach aus goldschimmerndem Metalltextil gebrochen. Ein "sehr merkwürdiger Bau, etwas Herausforderndes", sagt König, er ist sich sicher, daß der Komplex "nach der Fertigstellung allgemeine Bewunderung und Zustimmung wecken" wird. Nicht nur aus finanziellen Gründen hat der Förderverein Bau der Synagoge Dresden darauf verzichtet, die Semper-Synagoge originalgetreu wieder aufzubauen. Anders als bei der Frauenkirche, die, ganz in der Nähe des Bauplatzes, nach alten Plänen aufwendig rekonstruiert wird, soll der historische Bruch sichtbar bleiben.

Wie die rührigen Spendensammler der Frauenkirche haben sich auch die Förderer der Synagoge ein anspruchsvolles Ziel gesetzt. Ein Fünftel der geschätzten Baukosten von 20 Millionen Mark soll mit Spenden, Benefizkonzerten und Sponsorengeld bestritten werden. Bis November sind allerdings gerade mal 600 000 Mark eingegangen. Fünf Millionen will die Stadt Dresden beisteuern. Denn größten Betrag erwartet der Förderverein vom Freistaat Sachsen. Eine ansehnliche Summe, gestreckt auf drei Jahre, sei avisiert worden, sagt Jürgen Müller, Bundesbankdirektor und Schatzmeister des Fördervereins. Dennoch werde eine Lücke bleiben. "Wir setzen auf Gottvertrauen und das Prinzip Hoffnung, auch wenn das keine bilanzfähigen Positionen sind."