Den Königsweg gibt es nicht. Wer Arbeitslosigkeit abbauen will, muß "tausend Blumen blühen" lassen. Als eine Blume im bunten Ideenstrauß präsentieren Gerhard Schröder und sein Arbeitsminister Walter Riester die Rente mit 60 Jahren - ohne Einbußen. Die alte Regierung hatte dagegen den früheren Renteneintritt, den sie selbst jahrelang als wichtiges Beschäftigungsinstrument propagierte, bei der jüngsten Reform der Altersversorgung durch Abschläge von 18 Prozent erschwert.

Üben die neuen Herren in Bonn also auch hier die Rolle rückwärts, wie bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, dem Kündigungsschutz und anderen Reformen der Kohl-Mannschaft? Ganz so einfach ist es nicht: Etwas anders soll eines der ersten Projekte für das Bündnis für Arbeit schon aussehen. Denn der Vorruhestand à la Riester belastet nicht wie einst das Modell seines Vorgängers Blüm die Rentenversicherung. Die erforderlichen Mittel sollen vielmehr durch einen Tariffonds aufgebracht werden. In diesen Topf soll ein Prozent der jährlichen Lohnerhöhung fließen, machen alle mit, könnten das immerhin 15 Milliarden Mark im Jahr sein. Nutznießer einer solchen Regelung könnten theoretisch nicht nur 2,9 Millionen ältere Beschäftigte sein, sondern auch viele jüngere, die ihren Platz einnehmen.

Natürlich kann eine solche Regelung nur freiwillig sein, und natürlich wird längst nicht jeder seinen Job mit 60 an den Nagel hängen, um sich der Briefmarkensammlung zu widmen. Doch wenn nur ein Drittel den frühen Ausstieg nutzt und wenn ebenfalls nur ein Drittel der freigewordenen Arbeitsplätze dem Nachwuchs zugute kommt, könnte die Zahl der Arbeitsen immerhin um rund 300 000 sinken.

Die Idee einer "Beschäftigungsbrücke zwischen Jung und Alt", wie Schröder das Modell nennt, hat durchaus Charme. Immer mehr junge Leute haben in den vergangenen Jahren vergeblich versucht, im Berufsleben Fuß zu fassen. Manche finden gar nicht erst eine Ausbildung, andere stehen nach Lehre oder Studium auf der Straße. Eine Gesellschaft aber, die ihrer Jugend keine Perspektiven bietet, treibt sie in die Resignation. Rattenfänger aus allen Milieus haben ein leichtes Spiel mit ihnen.

Arbeitslosigkeit gerade bei jungen Menschen abzubauen macht deshalb Sinn. Sinn macht es auch, nicht die Rentenversicherung mit den Kosten für Frührentner zu belasten. Denn die, das hat sich mittlerweile herumgesprochen, steht in den nächsten Jahrzehnten vor großen Problemen. Immer weniger Beitragszahler müssen, so die Prognosen, für immer mehr Rentner aufkommen. Die Finanzierung des Vorruhestands über einen Tariffonds aber belastet die Rentenkassen nicht, jedenfalls dann nicht, wenn der Ausstieg aus dem Beruf nur vergoldet würde, sofern der freiwerdende Platz wieder besetzt wird.

Auch die Arbeitgeber haben eigentlich keinen Grund zum Klagen, obwohl sie sich derzeit lautstark gegen den Vorschlag wehren. Doch nur wenn die Gewerkschaften ihre Lohnforderung um den Abschlag für den Tariffonds erhöhen, wären sie an den Kosten der Frührente beteiligt.

Ein solches Verhalten müßte allerdings im Bündnis für Arbeit ausgeschlossen werden. Gelingt das, hätten die Unternehmen im Gegenteil Vorteile von der Lösung: Sie können, was sie in den vergangenen Jahren schon ausgiebig getan haben, ihre Belegschaften weiter verjüngen und zu den olympiareifen Mannschaften umformen, die sie sich stets gewünscht haben. Und von der neuen Regelung würden überdies nicht nur die Großunternehmen profitieren, sondern auch Mittelstand und Handwerk, die sich bisher großzügige Abfindungen für ihre älteren Mitarbeiter nur selten leisten konnten.