Seltsame Begegnungen. Wer den Text von Luigi Nonos Musiktheaterwerk Al gran sole carico d'amore liest, fühlt sich wie in einem Wachsfigurenkabinett der sozialrevolutionären Befreiungsbewegungen, Abteilung starke Frauen: Da erscheint Louise Michel, die unerschrockene Lehrerin, die in der ersten Reihe stand beim Barrikadenkampf der Pariser Commune von 1871, und Tanja Bunke, die FDJ-Aktivistin aus Walter Ulbrichts DDR, die an der Seite von Che Guevara im lateinamerikanischen Guerillakampf ihr Leben ließ. Man begegnet Haydée Santamaria, die 1953 in Kuba an Fidel Castros (vergeblichem) Sturm auf die Moncada-Kaserne teilnahm, Maxim Gorkijs "Mutter" aus den Umsturzjahren des zaristischen Rußland und südvietnamesischen Frauen, die in Konzentrationslagern gefoltert wurden. In knappen, bruchstückhaften Sätzen tauchen sie auf - mit schneidigen Forderungen, nachdenklichen Bekenntnissen, sehnsüchtigen Wünschen. Aber auch Bert Brecht, Karl Marx und Lenin werden zitiert, außerdem sozialistische Kampflieder aus Italien und Rußland und die Internationale: "Ihr Arbeiter, Bauern, wir sind die stärkste der Partei'n."

Von ganz weit her klingt diese Textcollage, die ein Libretto ersetzt, am Ende dieses Jahrhunderts zu uns herüber. Heldengeschichten von einst, höchst unzeitgemäß. Rote Nostalgie. Die Internationale marschiert? Heute?

Seltsame Begegnungen. 1975 wurde Nonos Al gran sole carico d'amore (Unter der großen Sonne, von Liebe beladen) in Mailand uraufgeführt in einer aufsehenerregenden Produktion mit Claudio Abbado und dem Regisseur Jurij Ljubimow. Aber nach der deutschen Erstaufführung in Frankfurt von 1978 war das Stück 20 Jahre nicht mehr auf der Opernbühne zu sehen. In dieser Spielzeit taucht es plötzlich gleich zweimal wieder auf: an der Stuttgarter Staatsoper und im kommenden April in Hamburg. Und wer die Stuttgarter Aufführung gehört hat, wird Nonos immens schwerer, immens aufwendiger Azione scenica dies kaum absprechen können: Dringlichkeit, Brisanz, überzeitliche Kraft. Wie das?

Hinter der Antwort verbirgt sich die ganze Komplexität der Figur Nono. In Al gran sole hat er noch einmal die Energien seines linkspolitischen Engagements gebündelt, persönliche Erfahrungen und frühere Stücke integriert, ästhetische Positionen weiterentwickelt - bevor er sich nach einer Schaffenskrise mit dem Streichquartett Fragmente, Stille Hölderlin zuwandte. Nono, der Kommunist. Sein Stück A floresta aus den sechziger Jahren etwa, dem vietnamesischen Widerstand gewidmet, war von Guerillakämpfern zeitweise im Radio gespielt worden. 1975 wurde er Mitglied im Zentralkomitee der kommunistischen Partei Italiens. Während der Probenphasen zu Al gran sole hielt er Vorträge in Kulturhäusern und Fabriken. Aber seine Musik hat so gar nichts optimistisch Vorwärtsstürmendes, taugt nicht zu agitatorischer Rhetorik. Zur Dynamik von Nonos linkem Elan gehörte eben auch, avancierte, unendlich differenzierte Kunstpositionen einzunehmen. Womit so mancher PCI-Genosse seine Probleme gehabt haben dürfte.

Die Textfragmente aus dem Fundus der Befreiungskämpfe bilden in Al gran sole nur einen Ausgangspunkt der kompositorischen Arbeit. Die Musik entzündet sich an ihnen und scheint sie gleichzeitig zu verzehren: Kaum ein Satz bleibt verständlich. In Silben und Vokalisen lösen sich die Worte auf wie in so vielen Werken Nonos. Nur ihre Kraft, ihr expressiver Gehalt wirken in den Klängen und Kantilenen. Ohne jedoch an eine dramatisch festgefügte Person gebunden zu sein: Es gibt nicht nur eine Louise Michel oder eine Tanja. Die Frauenfiguren verschränken sich, vervielfachen sich, changieren zwischen pluraler Identität im Chor und individuellem Ausdruck. Die äußere Dramaturgie wiederum läßt Ereignispartikel und Zeiten wie in einem Kaleidoskop ineinanderstürzen.

Und so hört man in Stuttgart keine verschwitzte Klassenkampfoper, die sich ideologisch in die Brust wirft, sondern eine abstrakte, feingewirkte, alle Sinne herausfordernde Komposition, die eine rätselhafte Balance offenbart zwischen Hoffnung, Anklage und Trauer. Ein eindringliches Plädoyer dafür, daß der einzelne zu Wort komme in den Kämpfen der Geschichte. Und die Liebe triumphiere. "Für dieses weite und aufgerüttelte Herz - trunken von Solidarität - ist die einzig atembare Luft die Menschenliebe", heißt im Vorspiel der erste vertonte Satz von Louise Michel. Al gran sole ist ein emphatisches Hohelied auf den Kampf gegen Unterdrückung, in dem Nonos Utopie von einer politisch befreiten Welt ebenso leuchtet wie die von einer Offenheit des menschlichen Geistes und dem ungebundenen Voranschreiten in neue Bereiche der Wahrnehmung. Zugleich klingt es wie ein großes Requiem auf die Gescheiterten, die Opfer von Gewalt und totalitärer Unterwerfung. Das Jahrhundertthema, fokussiert in einem Jahrhundertwerk.

"Nono klagt an, und seine Sprache ist Feuer", hat Karl Amadeus Hartmann über den Komponisten aus Venedig gesagt. In Al gran sole glaubt man diese Hitze immerzu zu spüren. In den langgezogenen, dissonierenden vokalen Klangbändern des Chores und in den scharfen Blechbläserattacken, im mitunter gefährlichen Revolutionsrumoren des Schlagwerks und in den nur mit feinem Ohr zu erhörenden Transformations- und Zerstäubungsprozessen des Klangs - da offenbart sich stets ein Glühen. Vor allem aber im für Nono so typischen entrückten Soprangesang in allerhöchster Lage: Die italienische Gesangskunst von Monteverdi bis Verdi schwingt da in den verletzlichen Kantilenen mit. Gleißend brennen sie sich ganz tief in das Gedächtnis des Zuhörers ein, zumal Lothar Zagrosek in Stuttgart eine überwältigend genaue und expressive Realisierung der Partitur gelang mit einem Chor, der musikalisch suggestiv agierte, und Claudia Barainsky an der Spitze eines hervorragenden Solistenensembles: Somnambul sicher kurvt sie durch die Vokalisen wie eine andere Königin der Nacht.