An solchen Tagen regnet es natürlich. Mittwoch abend an der Moltkestraße in Gummersbach, der weltbekannten Kreisstadt im Oberbergischen: Hunderte von Menschen stehen mit eingezogenen Hälsen vor dem Eingang der Eugen-Haas-Sporthalle, um Karten für ein Spiel der Handball-Bundesliga zu erstehen. Andrang an der Kasse, da der heimische VfL, diese Legende, mal wieder auf den TuS Nettelstedt trifft - nach diesem Abend wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder so sein.

Die 581. Vorstellung der Handballauswahl droht ein Endspiel der fatalen Art zu werden, denn die Geschäftslage des Vereins ist nahezu aussichtslos. Seit sich der Hauptsponsor des Tabellensiebten, eine niederländische Investmentfirma namens Maxima, mitten in der Saison aus der finanziellen Verantwortung stahl, steht der erfolgreichste Club der Welt (27 gewonnene Titel) vor dem Konkurs. Zwei Monate lang schon werfen die VfL-Profis auf das gegnerische Tor, ohne daß dafür eine einzige Mark auf ihr Konto geflossen ist. Zwei Monate lang auch werden sie dabei von den Trainern Thomas Gloth und Petre Ivanescu betreut, die zuletzt genausoviel verdient haben wie sie. Zum Ausgleich von fast drei Millionen Mark Verbindlichkeiten müßten schon Goldtaler vom Himmel fallen statt lauter Regentropfen, um den Verein in allerletzter Sekunde zu reanimieren.

Immerhin hat Konkursverwalter Wolfgang Kalker der VfL Maxima Gummersbach GmbH gerade sogenanntes "Konkursausfallgeld" zur Verfügung gestellt. Damit konnten jetzt die Gehälter für den Monat November bestritten und ihre Empfänger kurzfristig beruhigt werden. Die Löhne für September und Oktober aber stehen immer noch offen. Der frühere Junioren-Nationalspieler Daniel Ahmann hat sich bereits abgemeldet; Simon-Vonge Lindhardt, ein dänischer Auswahlspieler, ward nach einem Heimaturlaub nicht mehr gesehen. Von den übrigen haben einige wegen säumiger Mietzahlungen inzwischen das Wohnverhältnis aufgekündigt bekommen. "Wenn man das alles mal addiert", sagt Trainer Gloth, "sind wir ja selbst schon Kleinsponsoren des Vereins."

"Auf zum letzten Gefecht", ruft einer in dem Knäuel am Eingang der Arena. Dann schiebt man sich mehr gefaßt als neugierig in die Halle hinein. Hinter dem Tor haben Teenager ein mittelgroßes Stück Stoff befestigt. Auf ihm steht: "2 Punkte wären famos, neue Sponsoren grandios". Ein anderes fordert: "Haltet durch und zeigt jetzt erst recht, was in euch steckt". Im Foyer prangt immer noch ein großes Schild: "Gemeinsam sind wir stark. Der VfL und seine Partner".

Was folgt, nennen Sportreporter gerne eine "Trotzreaktion". Gerade 13 Minuten sind gespielt, als die Gummersbacher Mannschaft mit 9 : 5 in Führung liegt. Bis zur Pause zieht die entschlossen auftretende Heimmannschaft gar auf 16 : 9 davon. Immer wieder erheben sich die Fans auf den Rängen und skandieren lautstark: "Steht auf für den VfL!" Hier wird eine letzte Messe gelesen; jedes weitere Tor wirkt fast historisch. Am Ende obsiegt man mit nachlassender Kraft noch klar genug, nämlich 32 : 28, und hat "wieder Anschluß an die Tabellenspitze", wie der Hallensprecher verkündet. Aber welchen Wert hat das Ganze noch?

Die besorgten Männer der anschließenden Expertenrunde, die das Deutsche SportFernsehen zusammengetrommelt hat, wissen darauf offensichtlich auch keine Antwort. Vage Hoffnung allenfalls beim Gummersbacher Vorstandschef Ernst-Albrecht Lenz, der weiter stur auf einen Mr. Rich zu warten scheint. "Persönlich glaube ich eigentlich fest daran, daß wir bald eine Lösung bis Ende des Jahres finden werden." In den Chefetagen des oberbergischen Wirtschaftsraums aber verpuffen solche Bekenntnisse schon seit Monaten ohne Effekt. Deshalb wird Lenz' Podiumsnachbar Heiner Brand, der sich als Handballbundestrainer wenig Zurückhaltung auferlegt, auch einen Tag später sagen: "Ich kann das eigentlich nicht mehr hören."

Heiner Brand, der in den Siebzigern und Achtzigern einer der Stars in der Europacup-Siegermannschaft war und von 1987 bis 1991 auch ihr Trainer, hat wie kein zweiter die unheilige Entwicklung im Provinzsport Hallenhandball miterlebt. Und er ist sicher, daß die akute Krise "schon vor etwa zehn Jahren" begonnen hat. Genauer gesagt: seit man die begabten Talente auch in diesem Sport nicht mehr bei Laune halten kann, indem man ihnen, wie Brand, Deckarm und Co., nach Endspielen in der Dortmunder Westfalenhalle eine Südamerikareise spendiert. "Die Probleme wurden bisher durch glückliche Umstände verdeckt", sagt Brand - oder einfach heruntergespielt, denn "bei einem Verein mit dieser Tradition werden viele Dinge verkannt".