Die CDU will wieder regieren. Vorher muß sie erklären, wie sie die Macht verlieren konnte. Zwei Denkschulen konkurrieren miteinander: Die CDU habe die falsche Politik betrieben, meint die eine. Sie habe die richtige Politik falsch verkauft, die andere.

Die Anhänger der ersten Schule sind seit dem Bonner Parteitag geschwächt. Norbert Blüm, der die von ihm mitverantwortete Politik im nachhinein als zu kalt beschreibt, erhielt ein miserables Stimmergebnis; Rita Süssmuth und vor ihr Heiner Geißler flogen aus ihren Spitzenämtern in Partei und Fraktion heraus. Abgestraft wurde auch Klaus Escher, der Vorsitzende der Jungen Union, der die CDU-Politik von der gegenüberliegenden, "neoliberalen" Seite her kritisierte. Übrig blieben Volker Rühe und Roland Koch, Angela Merkel und Anette Schavan - alte neue Kohlianer, die einen Kohlismus ohne Kohl favorisieren.

Wolfgang Schäuble kann das nur recht sein. Die Rolle des Integrators ist dem neuen Parteichef nicht eben auf den Leib geschnitten, doch er ist klug genug, sie vorerst anzunehmen. Behutsame, auf Konsens bedachte Erneuerung hilft am ehesten zu verhindern, was manche für den Fall des Machtverlusts voraussagten: die Implosion der CDU. Nun kann sich die Partei erst einmal, im Schutz des Wartestandes, sammeln und von dort aus in aller Ruhe beobachten, was die nächsten Monate, vielleicht auch die nächsten Jahre mit sich bringen.

Was Schäuble wirklich will, ist ungewiß. Seine Personalrochaden zeigen eine vorsichtige neue Handschrift und sind doch weit entfernt von einer letzten Signatur: Verlieren die Christdemokraten die kommenden Wahlen, büßen sie weiter an Strahlkraft ein, könnte der Parteichef durchaus noch einmal zur Feder greifen und eine "echte Erneuerung" verfügen, vielleicht zum Auftakt des nächsten Wahlkampfs.

Von "Aufbruch" kündet das alles nicht. Dafür ist auch nicht die Zeit. Die Dinge sind im Fluß und zwingen den Strategen zur Wendigkeit. Schäubles Augenmerk gilt der neuen Koalition. Im amorphen Start der Regierung Schröder steckt für ihn eine ironische Pointe. Ausgerechnet die Unberechenbarkeit, die "Beliebigkeit", die er der SPD nicht ganz zu Unrecht vorhält, wird seiner eigenen Partei den Weg diktieren: Bliebe es bei den schwachen Modernisierungssignalen aus den rot-grünen Reihen, wird Schäuble versucht sein, die CDU zu einer geradlinigen, Zumutungen einklagenden Alternative zu entwickeln. Rafft sich die Koalition hingegen doch noch zu einer Politik à la Hombach auf, wäre der CDU-Chef vermutlich genötigt, die wertkonservative Karte zu spielen.

Am Dienstag, als Wolfgang Schäuble auf Gerhard Schröders Regierungserklärung antwortete, wurde die Perspektive der CDU symbolisch erkennbar: Bevor sie wieder regieren kann, muß sie reagieren. Dafür hat sie sich in eine passable Position gebracht.